Reportage
Mehr als 50.000 Dschihadisten leben in Europa
Es ist schwer, die genaue Zahl zu benennen, sagt der Anti-Terror-Koordinator der EU, Gilles de Kerchove. Doch es gebe sicherlich mehr als 50.000 Dschihadisten in Europa. Viele von ihnen würden ihre radikalen Überzeugungen verstecken.

Die Behörden in Deutschland jagen Dutzende Mitglieder von Jabhat al-Nusra, einer der gewalttätigsten Dschihadisten-Gruppen in Syrien. Die Kämpfer waren als Flüchtlinge getarnt nach Deutschland eingereist.
Laut einem Bericht des Magazins Spiegel sollen die gesuchten Männer Hunderte syrische Soldaten und Zivilisten ermordet haben. Sie sind allesamt frühere Mitglieder der Gruppe Liwa Owais al-Qorani, die im Jahr 2014 vom Islamischen Staat zerstört wurde.
Im Juni hatte die Polizei rund 25 der Dschihadisten identifiziert und einige von ihnen festgenommen, berichteten die Kieler Nachrichten. Doch Dutzende weitere sollen sich in Städten in ganz Deutschland versteckt halten.
Nach Angaben des Bundeskriminalsamts wird derzeit gegen 400 Migranten ermittelt, weil sie Mitglieder von Dschihadisten-Gruppen sind. Sie kamen in den Jahren 2015 und 2016 als Flüchtlinge nach Deutschland, berichtete das Handelsblatt.
Ende August warnte Libyens Premier Fayez al-Sarraj, dass Dschihadisten als Flüchtlinge von Nordafrika über das Mittelmeer nach Italien einreisen. Im Interview mit The Times sagte er, die Dschihadisten seien unerkannt durch sein Land gereist und wollten nach Europa.
„Wenn Migranten Europa erreichen, können sie sich frei bewegen“, sagte Libyens Premier Fayez al-Sarraj. „Wenn – Gott behüte – terroristische Elemente unter den Migranten sind, dann hat jeder Fall Folgen für die ganze EU.“
Im Verlauf der ersten acht Monate dieses Jahres haben nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) rund 130.000 Migranten Europa erreicht. Die meisten Einreisenden in Italien waren aus Nigeria, Bangladesch, Guinea, der Elfenbeinküste und Mali.
In den letzten Wochen haben Schleuser laut The Times für die Migranten eine neue Route über das Schwarze Meer eröffnet. So wurden vor drei Wochen 69 Iraker bei dem Versuch festgenommen, von der Türkei aus die rumänische Schwarzmeerküste zu erreichen.
Die Migranten waren in einer in einer Yacht unterwegs, die von Bulgaren, Zyprioten und Türken gesteuert wurde. Am 20. August fing die rumänische Küstenwache ein weiteres Schiff ab, das 70 Iraker und Syrer im Mittelmeer transportierte, darunter 23 Kinder.
Im Verlauf der ersten Jahreshälfte wurden laut Balkan Insight insgesamt 2.474 Menschen bei dem Versuch festgenommen, illegal die rumänische Grenze zu überqueren. Fast die Hälfte der Migranten wurde festgenommen, als sie von Rumänien nach Ungarn gelangen wollten.
Auch an der spanischen Küste landeten in den ersten acht Monaten dieses Jahres mehr als 10.000 Migranten. Das sind laut IOM dreimal so viele wie noch im Jahr zuvor. Tausende weitere Migranten haben Spanien über den Landweg erreicht, vor allem über die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla an der marokkanischen Küste.
Wenn die Migranten erst einmal angekommen sind, werden sie in Übergangseinrichtungen untergebracht und dann aufs spanische Festland gebracht. Von dort aus fahren viele weiter in andere Länder Europas.
Die EU-Grenzbehörde Frontex hat gewarnt, dass Dschihadisten die Migrationskrise nutzen, um nach Europa zu gelangen und überall auf dem Kontinent Terrorangriffe durchzuführen. Frontex hat nach eigenen Angaben keine Mittel, um die Migranten zu beobachten. In ihrer Risikoanalyse 2016 schrieb die Behörde:
Die Pariser Anschläge im November 2015 haben klar gezeigt, dass irreguläre Migrationsströme von Terroristen genutzt werden können, um in die EU zu gelangen. Zwei der an den Anschlägen beteiligten Terroristen waren zuvor irregulär über Leros [Griechenland] gekommen und waren von den griechischen Behörden registriert worden. Sie nutzten gefälschte syrische Dokumente, um ihre Registrierung zu beschleunigen.
Falsche Angaben zur Nationalität sind weit verbreitet unter Nationalitäten, die kaum eine Chance auf Asyl in der EU haben, die in ihr Heimat- oder Transitland zurückgebracht werden müssen oder die einfach ihre Reise beschleunigen wollen.
Bei der großen Zahl von Personen, die mit falschen Dokumenten oder ohne Dokumente ankommen oder bei denen Zweifel über die Echtheit ihrer behaupteten Nationalität besteht – ohne dass eine gründliche Prüfung oder Strafen existieren für jene, die falsche Angaben machen – besteht das Risiko, dass einige Personen diese Situation ausnutzen könnten, die ein Sicherheitsrisiko für die EU darstellen.
Gilles de Kerchove schätzt 50.000 Dschihadisten in Europa
In der vergangenen Woche sagte Gilles de Kerchove, der Anti-Terror-Koordinator der EU, im Interview mit der spanischen Tageszeitung El Mundo, dass inzwischen mehr als 50.000 Dschihadisten in Europa leben.
Vor drei Jahren war es einfach, jemanden zu identifizieren, der sich radikalisiert hatte. Heute verstecken die meisten Fanatiker ihre Überzeugungen. Wir haben keine exakten Zahlen. Doch es ist nicht schwer, Näherungsrechnungen durchzuführen.
Großbritannien, das ist kein Geheimnis, das wurde veröffentlicht, hat 20.000. Frankreich 17.000. Spanien hat viel weniger, aber bestimmt mehr als 5.000. In Belgien sind fast 500 nach Syrien gegangen und es gibt rund 2.000 Radikale oder mehr. Ich würde keine bestimmte Zahl benennen wollen, aber Hunderttausende, mehr als 50.000.
Und in einem Interview mit der belgische Tageszeitung Le Soir sagte Gilles de Kerchove, dass der Islamische Staat als „virtuelles Kalifat“ weiter existieren wird, auch wenn er in Syrien und im Irak militärisch besiegt wird.


