Reportage
Syrischer Flüchtling über Integration: „Hass kann mich nicht aufhalten“

Trotz vieler Hasstiraden gegen Flüchtlinge im Internet ist der syrische Flüchtling und heutige Fotografie-Berufsschüler Aras Bacho (18) froh, in Deutschland zu leben. Ein Leben in Syrien ist für ihn unvorstellbar geworden. „Vor allem, weil ich mich in Syrien nicht frei entfalten kann“, sagte er der Neuen Westfälischen Zeitung. Bacho ist Jeside. Vor zwei Jahren haben IS-Kämpfer Tausende Jesiden entführt, gefoltert oder vergewaltigt. Wer sie retten will, muss viel Geld an Menschenschmuggler bezahlen, sogenannte Befreier: 36.000 Euro – ohne Garantie. „Aber auch der ‚Islamische Staat‘ selbst mischt mit: Mit vorgehaltener Waffe zwingt man junge Frauen, ihre Familien anzurufen und um Geld zu flehen. Wenn die Familie das Geld aufgetrieben und übergeben hat, wird der Kontakt abgebrochen. Sklaven sind für den IS eine wichtige Einnahmequelle“, berichtet ZEIT-Autor Fritz Schaap.
Aras Bacho ist die Flucht als 12jähriger Junge nach Deutschland gelungen, er lebt heute in Bad Salzuflen in NRW. Dem Berlin Journal schilderte er gestern.
„Es wird oft darüber diskutiert, ob die Integration in Deutschland nicht gelingt. Ich habe mit vielen Flüchtlingen gesprochen, um mir ein eigenes Bild von der Situation zu machen. An unserer Schule in Detmold-Lütfeld fragte ich mehrere Schüler aus einer Auffangsklasse nach ihren Noten. Alle Befragten sind seit etwa einem Jahr hier. Die meisten sind auf einem guten Weg, die deutsche Sprache zu lernen.
Viele haben zwar nur einen Notendurchschnitt von 4,00, aber für junge Menschen die gerade erst in diesem Land gekommen sind, ist das gar nicht so schlecht. Deutsch ist immerhin eine sehr anspruchsvolle Sprache. Jeder von ihnen kann sich mit seinen Mitschülern verständigen.
Hass kann mich nicht aufhalten
Wenn man sich das Deutsch der Menschen anschaut, die mich und andere Flüchtlinge im Internet beschimpfen, dann ist der Unterschied zu dem Deutsch das die Flüchtlinge sprechen gar nicht so groß.
In der Öffentlichkeit haben diese Menschen nicht den Mumm, uns ihre Meinung ins Gesicht zu sagen. Sie verstecken sich in der Anonymität, hinter Computerbildschirmen. Ihr Hass kann mich nicht aufhalten. Ich habe gelernt, damit umzugehen.
Auch viele meine Freunde ignorieren den Hass, der im Internet verbreitet wird. Sie antworten meistens einfach nicht auf die ganzen Hetzkommentare.
Wenn sie es tun, dann versuchen sie, einen freundlichen Ton zu bewahren, und wie sie werden auch ich nicht müde, unsere Botschaft an Deutschland immer wieder zu wiederholen:
Wir werden uns integrieren und wir werden nicht aufgeben! Wir sind die Neuen und wir wollen auch Deutsche sein.
Ohne Angela Merkel wären wir heute nicht hier. Wir bedanken uns bei allen Bürgern dieses Landes, die uns akzeptieren, wie wir sind. Und allen Kritikern sagen wir: ‚Gebt uns Zeit, wir schaffen das!'“
Vor sechs Jahren ist Aras Bacho mit seiner Schwester nach Deutschland geflohen.
„Wir sind Jesiden und haben in Syrien einen schweren Stand“, erklärte der 18-Jährige der Neuen Westfälischen Zeitung. „Um meiner Schwester und mir ein Leben ohne Angst, Gewalt und Ausgrenzung zu ermöglichen, hat mein Vater über viele Jahre Geld gesammelt, um uns die Flucht zu ermöglichen.“
Drei Monate dauerte die Flucht vom syrischen Dorf Merkebe in der Nähe der türkischen Grenze bis nach Deutschland. Der damals 12-Jährige und seine ältere Schwester Hedia ließen sich 2010 von Schleppern mit dem Auto in die Türkei bringen und zogen zu Fuß nach Griechenland weiter. „In Griechenland hatten wir eine schwere Zeit“, sagte Bacho. „Wir mussten Flüsse durchqueren und wurden einen Monat lang in einem Flüchtlingslager festgehalten, indem wir sehr schlecht behandelt wurden.“
Bacho erinnert sich gegenüber dem Berlin Journal: „Als wir nach mehreren Wochen der Flucht an der türkisch-griechischen Grenze ankamen, stießen wir auf einen sehr starken Fluss. Er hinderte unsere Gruppe am Weitergehen, doch alle waren fest entschlossen ihn zu überqueren. Das Problem war jedoch, dass bei weitem nicht jeder schwimmen konnte. In Syrien gibt es zwar Schwimmbäder, aber so gut wie keine Schwimmkurse. Nur die wenigstens hatten so etwas wie eine Badehose dabei, also stürzten sie sich mit ihrer normalen Kleidung in die reißenden Fluten.
Nicht viele schafften es, den Fluss zu durchqueren
Die Folgen dieser Verzweiflungstat waren dramatisch: Meine Schwester und ich sahen Leichen im Wasser treiben, Kinder und Erwachsene. Nicht viele schafften es, den Fluss zu durchqueren.
Dasselbe geschieht Tag für Tag im Mittelmeer. Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind, riskieren alles und scheitern. Kinder, die nie die Chance hatten, sich eine Zukunft aufzubauen, klammern sich an jede Hoffnung auf Freiheit und Selbstbestimmung. Ihre Körper schwimmen bis heute im Meer.
Irgendwie schafften meine Schwester und ich es, nach Griechenland einzureisen. Doch das Leid ging auch dort weiter. Man nahm uns fest und sperrte uns mit den anderen Flüchtlingen in ein Gefängnis. Das Essen dort war schlecht, und die Polizisten behandelten uns mies.
Sie schlugen Migranten, die sich gegen die Umstände in den Zellen zur Wehr setzten. Viele Menschen dort haben tagelang geweint und unerträgliche Schmerzen erlitten. Physisch, wie psychisch. Ich war erst zwölf Jahre alt und ich hatte schon jede Hoffnung verloren.
Auf dem Weg nach Deutschland: Wir wären fast erstickt
Nach drei langen Monaten ließ die Polizei uns laufen. Ein uns unbekannter Mann nahm uns und sechzig andere Flüchtlinge in Athen in einem Bus mit nach Deutschland. Es gab kein Wasser und auch nichts zu essen.
Die Fahrt war unerträglich. Es hatte ungefähr vierzig Grad im Inneren, und alle Insassen haben unglaublich stark geschwitzt. Unter uns waren Kinder und auch Neugeborene. Wir haben sehr gelitten.
Nach zweieinhalb Tagen kamen wir endlich in Deutschland an. Ich glaube die Stadt hieß Düsseldorf. Unsere Freude war grenzenlos, denn die Reise hierher war das Heftigste, was ich in meinem Leben bis jetzt erlebt habe.
Für mich und für viele andere Asylbewerber ist dieses Land ein Symbol der Hoffnung. Deutschland ist die Zukunft der Flüchtlinge. Wir Flüchtlinge sind die Zukunft der deutschen Bürger.“
Zwei Jahre im Kinderheim
In Deutschland angekommen, wurden die Geschwister getrennt voneinander in Köln untergebracht. Der damals 12jährige Aras Bacho lebte in einem Kinderheim. „Wir haben uns trotz der Trennung sofort wohlgefühlt“, sagt er heute. „Ich konnte sofort zur Schule gehen, Freundschaften schließen und die Freiheit genießen.“ So lebten sich Bacho und seine Schwester von Tag zu Tag in die Heimat ein. „Wir haben auch außerhalb der Schule Sprachkurse besucht, um möglichst schnell deutsch zu lernen und ich habe damit begonnen, alles um mich herum zu fotografieren.“
Nach zwei Jahren zogen Aras und Hedia Bacho gemeinsam von Köln nach Bad Salzuflen (Kreis Lippe). „Endlich konnten wir in derselben Stadt wie unsere vielen Verwandten leben, denn einige Geschwister meines Vaters sind bereits lange vor unserer Flucht nach Deutschland gekommen“, erklärte Bacho der Neuen Westfälischen Zeitung.
In seinem Heimatdorf Merkebe leben jetzt nur noch sein Vater und seine Großmutter. „Meine Mutter ist seit elf Jahren tot und mein Vater hat uns bei der Flucht nicht begleiten können, weil er sich um meine kranke Oma kümmert. Das verstehe ich gut, aber ich vermisse ihn sehr“, sagt Bacho.
Dem Berlin Journal sage Aras Bacho: „Für mich und für viele andere Asylbewerber ist dieses Land ein Symbol der Hoffnung. Deutschland ist die Zukunft der Flüchtlinge. Wir Flüchtlinge sind die Zukunft der deutschen Bürger.“


