Reportage
So verbreitet sich der Islamismus in Deutschland

Nils D. (25) aus Dinslaken-Lohberg war einst der bekannteste deutsche Dschihadist. Sein Fall zeigt, wie Menschen in Deutschland zu muslimischen Gotteskriegern werden. Die Migrantenkieze sind der Nährboden, auf dem der Islamismus in Deutschland wächst. Hier können die Salafisten ihre Kämpfer rekrutieren.
Der Lohberger Nils D. hat in der Geheimpolizei des Islamischen Staats (IS) und in Foltergefängnissen gedient. Jetzt läuft gegen ihn der Prozess am Düsseldorfer Oberlandesgericht. Seinen Bart trägt er heute nicht mehr, und er ist geständig. Deshalb soll er sogar auf der Todesliste des IS stehen.
Nils D. gehörte zu einer Gruppe von Islamisten, die sich im Dinslakener Stadtteil Lohberg in Nordrhein-Westfalen (NRW) radikalisierten und dann gemeinsam in den Dschihad nach Syrien zogen. Kenner der Szene schätzen die Zahl der Lohberger Dschihadisten auf über 20, berichtet die Neue Zürcher Zeitung.
Zu den Dschihadisten der sogenannten „Lohberger Brigade“ gehören zwar auch mehrere Deutsche. Doch die meisten Dschihadisten aus Lohberg haben türkische Wurzeln, so wie etwa die Hälfte der rund 3.000 Einwohner von Dinslaken-Lohberg. Jeden Freitag ruft hier der Muezzin zum Gebet.
Im Dezember 2013 rief Philip B., der Cousin von Nils D., Muslime in Deutschland dazu auf, nach Syrien zu kommen und im Kampf gegen die Ungläubigen „alles für Allah zu geben“. Dann veröffentlichte er auf Facebook eine Foto seines Lohberger Freundes Mustafa K. mit einem abgeschlagenen Kopf in der Hand.

Nachdem Philip B. im Gesicht schwer verletzt worden war, wählte er den Märtyrertod. Im August 2014 sprengte er sich im Nordirak mit einem Lastwagen in die Luft. Der Selbstmord seines Cousins setzte Nils D. offenbar zu. Er kehrte nach Deutschland zurück und wurde verhaftet.
Seit den Pariser Attentaten am 13. November letzten Jahres ist klar, dass Nils D. und seine Freunde in Syrien teilweise engen Kontakt zu den Attentätern aus Belgien und Frankreich hatten. Schon drei Monate vor den Anschlägen konnte Nils D. den mutmaßlichen Drahtzieher Abdelhamid Abaaoud identifizieren.
Mutter begrüßt die Hinwendung zum Islam
Die Mutter von Philip B. sah es laut ihrer Aussage vor Gericht zunächst positiv, als ihr Sohn im Jahr 2009 zum Islam konvertierte. Wie sein kleinkrimineller Cousin Nils D. bekam auch Philip B. sein Leben nicht auf die Reihe und lebte auf Staatskosten. Der Islam schien ihm Halt zu geben: Er hörte auf zu rauchen und zu trinken.
Doch dann versuchte Philip, seine Mutter zum Islam zu bekehren. Er redete stundenlang auf sie ein, wollte sie „vor der Hölle retten“. Die jungen Männer ließen sich Bärte wachsen und trugen weite Gewänder. Ihr Prediger Mustafa T. wurde sogar zu Sitzungen des Schulausschusses delegiert.
So entsteht der Islamismus in Deutschland
Im Rathaus hat sich die Sozialarbeiterin Angela Gürtler zu einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung bereit erklärt. Sie sieht eine Ursache für den Islamismus in Deutschland in dem rigiden Erziehungsstil der türkischen Eltern, die mit Verboten und teilweise auch mit Prügeln reagierten. „Damit treiben manche ihre Kinder in die Arme der Salafisten.“
Einen entscheidenden Faktor sieht Angela Gürtler in der fehlenden Rolle der Väter in der Erziehung. Während die Männer ihre Zeit in den Teestuben verbringen, arbeiteten die Frauen in mehreren Niedriglohnjobs. Tatsächlich lebten auch die beiden deutschen Dschihadisten Nils D. und Philip B. mit ihren Müttern getrennt von ihren Vätern.
Lohberg ist eine Siedlung mit 3.000 Einwohnern am Rande von Dinslaken, die als Arbeitersiedlung um die einstige Kohlezeche gebaut wurde. Der Anteil der Migrantenkinder an der Grundschule von Lohberg liegt bei rund 90 Prozent.
Lohberg wird von türkischen Institutionen dominiert: von Erdogans AKP, von der islamischen Bewegung Milli Görüs, von der rechtsextremen türkischen Partei „Graue Wölfe“ oder von der Ditib-Moschee, deren Imame aus der Türkei entsandt werden.
Die ersten drei Organisationen vertreten die Ansicht, dass nur homogene Gesellschaften friedlich sind, sagt der Terrorismusexperte Marwan Abou-Taam. „Sie wollen die Homogenität wieder herstellen, dazu ist die Vernichtung aller Gegner die Lösung.“
Dinslakens stellvertretender Bürgermeister Eyüp Yildiz (47, SPD) spricht in diesem Zusammenhang von einem „archaischen Hordendenken“, das sich aber nicht nur bei den Türken in Lohberg zeige, sondern auch im erstarkenden Rechtspopulismus in Europa.
90 Prozent der Salafisten sind Migranten
Lohberg ist kein Sonderfall in Deutschland. Die wachsende salafistische Szene ist untereinander vernetzt. Im Januar ist die Zahl der Salafisten bundesweit auf 8.350 angestiegen. 90 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Rund 10 Prozent sind in den Dschihad nach Syrien ausgereist.
Die Zahl der Ausreisen nach Syrien hat zuletzt leicht abgenommen, sagt Burkhard Freier, Leiter des Verfassungsschutzes NRW. Denn die negativen Berichte von Rückkehrern wirkten abschreckend. Allerdings sei der Anteil von Frauen, die für Allah in den Krieg ziehen, auf 25 Prozent angestiegen.
Das urban geprägte NRW ist vom Islamismus in Deutschland besonders betroffen. Hier lebt ein Drittel der 4,3 Millionen Muslime in Deutschland. Von ihnen gelten 2.250 als Salafisten, darunter 500 als gewaltbereit. Die Behörden gehen davon aus, dass in 20 bis 30 von insgesamt 850 Moscheen in NRW Salafisten ein und aus gehen.
Neben NRW ist auch Berlin eine Hochburg des Islamismus in Deutschland. „Die Lebensweisen sind hier sehr vielschichtig, es gibt viele unterschiedliche religiöse Gemeinschaften, hier kann man gut untertauchen, sich verstecken“, sagte Berlins oberster Verfassungsschützer Bernd Palenda.


