Reportage
Könnten IS-Terroristen eine Atombombe bauen?

Atommaterial in den Händen des sogenannten Islamischen Staates – eine Vorstellung, die Sicherheitsbehörden weltweit um den Schlaf bringt, wie die Tagesschau berichtete. Und – so sagte Ben Rhodes aus dem nationalen Sicherheitsteam des US-Präsidenten Barack Obama – es sei mehr als nur eine theoretische Möglichkeit: „Wir wissen, dass Terrororganisationen sich Zugriff darauf verschaffen wollen – das galt für Al Kaida, und gilt ganz sicher auch für den IS!“
Dieses Risiko bestehe „fortwährend“, hieß es am Freitag in der gemeinsamen Abschlusserklärung der mehr als 50 Teilnehmerländer des internationalen Nukleargipfels in Washington.
US-Präsident Barack Obama sagte, die „Verrückten“ der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat würden vor einem Anschlag mit nuklearem Material nicht zurückschrecken. Er verwies etwa auf das Interesse der Terrormiliz an radioaktivem Material.

Zwar wurden seit dem ersten Gipfel im Jahr 2010 an mehr als 50 Standorten in über 30 Ländern hochangereichertes Uran und Plutonium entfernt – genug für 130 Atomwaffen.
Außerdem wurde an mehr als 650 Standorten mit radioaktivem Material überall auf der Welt die Sicherheit verstärkt, und es wurden mehr als 300 Detektoren für Radioaktivität an Grenzübergängen, Häfen und Flughäfen installiert.
Damit – so sagt jedenfalls Ben Rhodes, der stellvertretende Sicherheitsberater des Präsidenten – sei es für Terroristen schwieriger als je zuvor, an nukleares Material zu kommen.
Aber: „Unsere Arbeit ist mitnichten zu Ende“, sagte sein Chef Obama. Es gebe noch jede Menge nukleares Material, das reduziert oder beseitigt werden müsse. Auch wüchsen vielerorts die Plutoniumbestände.
In hunderten militärischen und zivilen Einrichtungen weltweit gebe es ungefähr 2.000 Tonnen Atommaterial, „und nicht alles ist ordentlich abgesichert“, sagte Obama. Schon die kleinste Menge Plutonium könnte hunderttausende Menschen töten oder verletzen, warnte er.
„Bisher hat keine terroristische Gruppe Zugriff auf nukleares Material bekommen“, sagte Obama.
Doch er mahnte ein gemeinsames internationales Vorgehen an, um die Bestände nuklearen Materials zu sichern: „Keine Nation kann das alleine lösen.“ Die Gefahr eines nuklearen Terrorismus bestehe fort und wachse weiter an.
Wie sollte der IS in Besitz von nuklearem Material gelangen?
Prof. George Moore, Nuklear-Experte an der Universität von Monterey in Kalifornien sagte der BILD: „Nukleares Material – wie hoch angereichertes Uran oder Plutonium, das für den Bau einer improvisierten, nuklearen Sprengvorrichtung notwendig ist – scheint es in den von ISIS kontrollierten Gebieten nicht zu geben. Das müsste die Gruppe also von einem Land stehlen, das derartiges Material hat.“
Und weiter: „Man darf auch nicht vergessen, dass ISIS-Mitglieder in den Vereinigten Staaten oder in Europa in den Besitz von radioaktivem Material gekommen sein könnten. Wer das transportieren will, muss sich eigentlich auch selbst davor schützen. Doch angesichts der Tatsache, dass die Terroristen sich bei dem Anschlag ohnehin umbringen wollen, hat dieser Selbstschutz wohl kaum Priorität.“
Wäre der IS technisch in der Lage, eine Atombombe zu bauen?
Professor Moore: „ISIS verfügt über die technischen Möglichkeiten, eine radiologische Waffe zu bauen, es fehlt also nur das dafür notwendige, radioaktive Material. Eine ’schmutzige Bombe‘ würde dieses Material explosionsartig verteilen.“
“In vielen Ländern ist der Besitz von Nuklearmaterial zum Verkauf nicht strafbar. Daher ist ein weiteres Gebiet, das unsere Aufmerksamkeit verdient, die Verbesserung unserer Fähigkeit, geschmuggeltes Atommaterial aufzuspüren, die Schmuggler zu finden und sie der Gerechtigkeit zuzuführen”, erklärte die US-Staatsekretärin für Waffenkontrolle Rose Gottemoeller auf dem Nukleargipfel.
BILD: „Gibt es innerhalb der Terrorgruppe überhaupt Mitglieder, die das Wissen hätten, um so einen Bombe zu bauen?“
Moore: „Aus den öffentlich zugänglichen Quellen geht nicht hervor, ob es bei ISIS Leute gibt, die über ein ausreichend großes Wissen über radioaktive oder nukleare Stoffe verfügen, um eine radiologische Waffe oder einen improvisierte, nukleare Sprengvorrichtung zu bauen. Doch ISIS könnte ein Interesse haben, seine Mitglieder dementsprechend weiterzubilden. Sicher verfügt die Terrormiliz schon jetzt über das nötige Know-how über Sprengstoffe, das für den Bau einer ’schmutzigen Bombe‘ ebenfalls gebraucht wird.“
Die Lage in Belgien bereite der US-Regierung Kopfzerbrechen, schreibt die New York Times. Dort seien die Zuständigkeiten so unklar, dass man sich Sorgen um die Sicherheit der Atomanlagen mache.
Wie Berlin Journal berichtete, fanden Anti-Terrorismus-Ermittler bei einer Hausdurchsuchung einer vom IS genutzten Wohnung in Brüssel am 30. November letzten Jahres ein Video, auf dem zehn Stunden lang die Wohnung des Leiters des Zentrums für Nuklearenergie in der flämischen Stadt Mol zu sehen ist. Über längere Zeiträume wurde filmisch dokumentiert, wann der Nuklearexperte seine Wohnung verlässt und betritt. In Medien wurde geschlussfolgert, dass der IS möglicherweise Anschläge auf Atomkraftwerke in Belgien plane. Doch ebenso könnte es sein, dass man eine Entführung des Nuklearexperten plante, um sein Fachwissen zu nutzen.


