Reportage
Spätere, niedrigere Renten sind unausweichlich
Ifo-Chef Clemens Fuest warnt langfristig vor einem Kollaps der Staatsfinanzen. Wegen des demografischen Wandels müsse man die Renten kürzen und das Eintrittsalter anheben.

Zwar ist Deutschland im hier und jetzt zahlungsfähig. Doch langfristig ist der Staatshaushalt durch die rasante Alterung der Gesellschaft bedroht, warnte Wolfgang Schäuble (CDU) am Montag auf einer von seinem Ministerium veranstalteten Demografie-Konferenz.
„Leider wird die Langzeitperspektive in der Tagespolitik nur sehr unzureichend berücksichtigt“, zitiert ihn die Welt. Und tatsächlich droht der Staatshaushalt in den nächsten Jahrzehnten zu kollabieren. Das zeichnete sich auch schon vor der Migrantenkrise ab.
Der von Wolfgang Schäuble bereits im Februar präsentierte Tragfähigkeitsbericht zeigt, dass bis zum Jahr 2060 mit einem deutlichen Anstieg der Sozialausgaben zu rechnen ist. Gleichzeitig geht die Zahl der Erwerbstätigen zurück.
Ohne ein frühzeitiges Gegensteuern seitens der Politik könnte die Staatsverschuldung in Deutschland auf über 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ansteigen. Das wäre eine höhere Schuldenquote als heute in Griechenland.
Trotz dieser klaren Prognosen hat die Bundesregierung im April die höchste Rentenerhöhung seit 23 Jahren beschlossen. Im Westen werden die Renten ab 1. Juli um 4,25 Prozent steigen, im Osten sogar um 5,95 Prozent.
Ifo-Chef Clemens Fuest warnt vor Rentenausgaben
Wegen des langfristig drohenden Zusammenbruchs des Staatshaushalts warnte Ifo-Chef Clemens Fuest die Regierung vor neuen Rentenausgaben. Vielmehr müsse das Renteneintrittsalter steigen und das Rentenniveau, wie im Gesetz vorgesehen, weiter sinken.
Der starke Flüchtlingsstrom im vergangenen Jahr sei wegen der überwiegend geringen Schul- und Berufsbildung der Migranten keine Hilfe, sondern eine zusätzliche Belastung für die Staatsfinanzen. Der Ökonom rechnet mit nötigen Mehrausgaben von bis zu 240 Milliarden Euro.
Zwar könnte Deutschland nach Ansicht von Clemens Fuest von der Zuwanderung von hoch Qualifizierten profitieren. Doch bisher sei Deutschland für hoch gebildete Zuwanderer nicht attraktiv genug.
Rente mit 70 oder Rente mit 73?
Heute müssen rund 3 Einzahler einen Rentner finanzieren. In Zukunft sind es 1,5 Einzahler pro Rentner. Um dieses drohende Missverhältnis abzumildern, forderten Wolfgang Schäuble und der Chef der Jungen Union Paul Ziemiak im April die Rente mit 70 Jahren. Doch auch das reicht offenbar noch nicht.
Nach Ansicht der Ökonomen vom Institut der Deutschen Wirtschaft ist sogar ein Renteneintrittsalter von 73 Jahren nötig, um den demografischen Wandel zu stemmen. Männern bleiben dann im Schnitt noch sechs Jahre Rente vor dem Tod.


