Reportage
Flüchtlinge brauchen eine leichtere Berufsausbildung
Damit die vielen ungebildeten Flüchtlinge einen Job finden können, sollte die Berufsausbildung zum Pfleger und Maurer weniger theoretisch sein, sagt Ökonom Ludger Wößmann. Zudem müsse der Mindestlohn wegfallen.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat gesagt, dass die Bildung der Schlüssel zu einer gelungenen Integration der Flüchtlinge sei. Doch nun stellt sich heraus, dass bei vielen Flüchtlingen kein ausreichendes Bildungsniveau vorhanden ist, auf dem man aufbauen könnte.
Zwei Drittel der Schüler in Syrien können nur sehr eingeschränkt lesen, schreiben und rechnen, sagt der Bildungsökonom Ludger Wößmann im Interview mit der ZEIT. Selbst wenn sie irgendwann Deutsch gelernt hätten, könnten sie kaum dem Unterrichtsgeschehen folgen.
Vom Lernstoff her hinken syrische Achtklässler im Mittel fünf Schuljahre hinter etwa gleichaltrigen deutschen Schülern hinterher.
Zwei Drittel der jungen Syrer gelten nach internationalen Bildungsstandards als funktionale Analphabeten. Daher wird ihnen nach Ansicht von Ludger Wößmann zumeist die nötige Ausbildungsreife für deutsche Betriebe fehlen.
Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Mehrheit der jungen Flüchtlinge an einer drei Jahre langen Vollausbildung mit hohem Theorieanteil scheitern würde. Laut Handelskammer München und Oberbayern haben 70 Prozent der Azubis aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die vor zwei Jahren eine Lehre begonnen haben, diese bereits wieder abgebrochen.
Darum müssen wir ihnen andere Angebote machen; ihnen mehr Ausbildungsbegleiter an die Seite stellen; über teilqualifizierende Ausbildungen nachdenken, die stärker die praktischen Fähigkeiten betonen und die theoretischen Grundlagen begrenzen.
Es gibt schon solche Berufe, etwa den Krankenpflegehelfer. Ähnliches muss auch in anderen Branchen möglich sein, bei Maurern zum Beispiel. Wir brauchen mehr einjährige Qualifikationen – mit der Möglichkeit, diese später in eine Vollausbildung auszuweiten.
Nach Ansicht des Ökonomen wäre außerdem eine Aussetzung des Mindestlohns von 8,50 Euro für Flüchtlinge „als Eingliederungsmaßnahme sinnvoll“. Um Flüchtlinge in die deutsche Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt zu integrieren, müsse man sie arbeitsrechtlich mit Langzeitarbeitslosen gleichsetzen, bei es solche Ausnahmen bereits gibt.
Wer schön daherredet, dass ein niedriger Mindestlohn gegen die Würde der Flüchtlinge verstoße, der sollte die ganze Wahrheit sagen: nämlich, dass er in Kauf nimmt, dass dann ein großer Teil der Flüchtlinge niemals in den Arbeitsmarkt integriert werden wird.
Bei den jüngeren Flüchtlingskindern sind die Aussichten sind „ungleich besser“, sagt Ludger Wößmann. Man müsse es aber besser machen als bei früheren Zuwanderungswellen. Die Lernforschung zeige, dass junge Kinder am schnellsten die Sprache lernen, wenn sie täglich mit Kindern ohne Migrationshintergrund sprechen.
Das heißt, möglichst alle Kleinkinder sollten spätestens mit drei in die Kita gehen und die Grundschulkinder von Anfang an in die Regelklassen. Trotz des Flüchtlingsstroms würde das Schulsystem damit nicht überfordert: Wenn wir eine Ghettoisierung vermeiden und die Asylbewerber gleichmäßig auf die Kommunen verteilen würden, käme selbst bei einer Million bleibender Flüchtlinge auf jede zweite Klasse oder Kita-Gruppe nur ein zusätzliches Flüchtlingskind.
Bei den Eltern hingegen ist Ludger Wößmann weniger optimistisch. Von ihnen seien nur rund zehn Prozent Akademiker. Zwei Drittel hätten keinen berufsqualifizierenden Abschluss. In Deutschland liege der Anteil der Geringqualifizierten bei 14 Prozent, und von ihnen ist jeder Fünfte von ihnen arbeitslos.
Zu meinen, dass die erwachsenen Flüchtlinge bei uns den Fachkräftemangel lösen werden, halte ich nicht für realistisch. Was uns in den vergangenen Jahren geholfen hat, war die Zuwanderung gut ausgebildeter Menschen aus anderen europäischen Ländern.
Wenn wir es jetzt richtig machen bei den Kindern der Flüchtlinge, wenn wir zugleich ihren Eltern eine Chance auf Arbeit und Integration geben, dann werden die Kinder es sein, die in 25 Jahren unsere demografischen Probleme verringern.


