Reportage
GdP warnt vor Ärger und Wut bei der Polizei
Der Chef der Gewerkschaft der Polizei in Hessen Andreas Grün beobachtet bei den Kollegen „eine riesengroße Enttäuschung, Verärgerung und Wut“. Die Polizisten würden sich zunehmend von den etablierten Parteien abwenden.

Die Gewerkschaft der Polizei in Hessen ist in Sorge. Immer mehr Polizisten fühlten sich von der schwarz-grünen Landesregierung im Stich gelassen und politisch nicht mehr vertreten, sagt Hessens GdP-Chef Andreas Grün. Der 55-Jährige ist seit 39 Jahren bei der Polizei. Er kritisiert die ständig wachsenden Aufgaben und den riesigen Überstundenberg.
„Wir haben nach wie vor sehr, sehr hohe Belastungen, weil fast an jeder Dienststelle Kollegen fehlen“, zitiert ihn die Welt. Zudem hätten sich bei den Kollegen rund drei Millionen Überstunden angesammelt. „Wir kommen von diesem riesigen Berg nicht runter“, sagt Andreas Grün. Im laufenden Jahr seien noch immense Überstunden hinzugekommen.
Abschiebungen, Demonstrationen und Fußballspiele
Grund für die hohen Belastungen der Kollegen seien „Sondereinsätze für viele Beamte beispielsweise bei Abschiebungen, Demonstrationen und Fußballspielen“. Die Gewalt rund um den Fußball spiele eine „Riesenrolle“ bis in die vierte Liga. Außerdem gebe es mehr Sonderkontrollen, um Wohnungseinbrüche zu verhindern.
Wir haben beim Landeskriminalamt eine Software, die vorhersagen soll, wo in nächster Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit mit mehr Einbrüchen zu rechnen ist. Das funktioniert aber nur, wenn in diesen Bereichen auch mehr Polizeibeamte vor Ort sind und Kontrollen durchführen.
Der hessische GdP-Chef beobachtet zudem, dass die Gewalt gegen Polizisten zunimmt. „Zu den normalen dienstlichen Belastungen kommt die immer mehr um sich greifende Respektlosigkeit.“ Im Jahr 2015 habe es in Deutschland jeden Tag im Durchschnitt 170 tätliche und verbale Angriffe auf Polizeibeamte gegeben.
Jeden Tag werden in Deutschland 30 Polizisten Opfer einer gefährlichen oder schweren Körperverletzung. Wir sind froh, dass unser Ansinnen von 2009, einen eigenen Schutzparagrafen für Polizisten einzuführen, jetzt endlich im dritten Anlauf bei Bundesjustizminister Heiko Maas gelandet ist.
Andreas Grün fordert Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Auch die steigende Krankenrate ist Grund zur Sorge. In Mittelhessen beispielsweise sei sie von 31 Tagen im Jahr 2014 auf über 36 Krankheitstagen im Jahr 2016 angestiegen. „Die hohen Überstundenberge und Krankheitstage zeigen, dass etwas in Unwucht geraten ist. Und das ist es auch, was die Kollegen so enttäuscht.“
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach Ansicht des Gewerkschafters so gut wie nicht mehr gegeben. „Man muss ständig in anderen Dienstgruppen aushelfen. Dazu kommen die Sonderdienste“, sagt er.
Im Oktober hatte eine Polizisten-Ehefrau einen offenen Brief an den Berliner Polizeipräsidenten geschrieben. Darin kritisiert sie die dramatischen Zustände bei der Polizei. Wegen der extremen Überstunden von bis zu sieben Wochen ohne einen freien Tag sei sie inzwischen „quasi alleinerziehend“. Viele Beamte verlassen den Berliner Polizeidienst vorzeitig.
Polizisten wenden sich vor den etablierten Parteien ab
In Hessen kommt hinzu, dass die dortige Landesregierung vorhat, die Polizisten als Einzige in ganz Deutschland von der Besoldung weiterhin abzukoppeln. „Das führt bei den Kollegen zu einer riesengroßen Enttäuschung, zu Verärgerung und Wut“, sagt Andreas Grün.
Es gebe einen großen Vertrauensverlust gegenüber der Politik, „weil diese das enorme Arbeitspensum der Polizei nicht entsprechend wertschätzt, sondern im Gegenteil durch Gehaltsabkopplungen und Leistungseinbußen bei der Krankenversorgung deutliche Verschlechterungen herbeiführt“.
Ich sehe die Entwicklung mit ganz, ganz großer Sorge, weil uns auch nicht verborgen geblieben ist, dass sich zunehmend Polizeibeschäftigte von den etablierten Parteien abwenden.


