Reportage
Margot Käßmann: „Liebet die Terroristen und betet für sie!“

Die frühere EKD-Ratspräsidentin Margot Käßmann hat dazu aufgerufen, terroristische Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten. Der Bild am Sonntag sagte sie.
„Jesus hat eine Herausforderung hinterlassen: Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! Er hat sich nicht verführen lassen, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten. Für Terroristen, die meinen, dass Menschen im Namen Gottes töten dürfen, ist das die größte Provokation. Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen.“
Zwar sei es der menschliche Instinkt, Rache zu üben, „aber auf den Hass nicht mit Hass zu antworten, das ist die Herausforderung“. Die größten Persönlichkeiten in der Geschichte seien nicht Stalin, Hitler oder Pol Pot, sondern Martin Luther King, Mahatma Ghandi oder Aung San Suu Kyi, „die nicht mit Gewalt reagierten“.
Als Christin sei sie fest davon überzeugt, „dass wer den Kreislauf der Gewalt durchbricht, am Ende der Mächtigere ist“, so Margot Käßmann. Jesus sei unvergesslich geworden, „weil er am Kreuz starb und nicht zum Schwert griff“.
Margot Käßmann: „Geht tanzen!“
Zugleich warnte die frühere EKD-Ratspräsidentin davor, die Werte der offenen Gesellschaft im Kampf gegen den Terror aufzugeben. Zwar muss der Staat ihrer Ansicht nach die Bürger schützen. „Aber was wir in Europa an Freiheit erreicht haben, das sollte der Staat nicht durch Terroristen einschränken lassen.“
Die Menschen sollten „jetzt erst recht“ auf die Straße gehen, tanzen, in den Cafés sitzen und Fußballspiele nicht absagen, sagt Margot Käßmann. „Damit zeigen wir den Terroristen: Wir lassen uns von euch nicht Angst machen! Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen.“
In der WELT kritisiert Andrea Seibel die Äußerungen der früheren EKD-Ratspräsidentin scharf an und spricht von einer „Vergötzung pazifistischen Denkens“. Die von Margot Käßmann genannten historischen Beispiele bewertet Andrea Seibel ganz anders:
„Ein Gandhi agierte gegen eine zivile Kolonialmacht wie die Briten, ein Martin Luther King mahnte Diskriminierung in einem Rechtsstaat wie dem amerikanischen an. Das war deren Kontext.“
„Doch einen Hitler oder Stalin konnte man nicht mit pazifistischen Mitteln besiegen. Genauso wenig wie die Taliban in Afghanistan – und nun die islamistischen Terroristen. Käßmann verharmlost diese Gefahr auf selbstgerechte Art und Weise […].“


