Reportage
Kabeldiebe nicht angeklagt, weil Schöffe Sarrazin lobte
Die neun Rumänen hatten in 22 Fällen Kupferkabel der Berliner S-Bahn entwendet. Die Anklageschrift gegen sie wurde aber gar nicht erst verlesen, der Prozess unterbrochen. Denn die Verteidiger der Kabeldiebe hatten herausgefunden, dass ein Schöffe im Internet ein Sarrazin-Buch gelobt hatte.

Die neun Rumänen sind zwischen 25 und 31 Jahre alt. Sie sollen zusammen mit weiteren Tätern bandenmäßig organisiert in insgesamt 22 Fällen Kupferkabel aus dem Gleichstromnetz der Berliner S-Bahn entwendet haben. Wegen des in den sogenannten Rückleiterkabeln enthaltenen Kupfers lassen sich diese gut verkaufen.
Allein der Sachschaden bei der Deutschen Bahn beträgt 285.000 Euro. Hinzu kommt der Schaden für die Bahn und vor allem für die vielen Kunden, den die Rumänen mit den wiederholten Zugausfälle verursachten. Auch Polizeiarbeit und Justizbeamte haben den deutschen Steuerzahler schon jetzt viel Geld gekostet.
Voller Gerichtssaal am Landgericht
Bei dem Prozess am Dienstag war der Gerichtssaal am Landgericht in der Turmstraße in Moabit richtig voll, berichtet die Berliner Zeitung. Und das lag nicht etwa am Interesse der Öffentlichkeit. Vielmehr saßen im Publikum lediglich drei junge Frauen aus Rumänien, die mit den Angeklagten auf irgendeine Weise liiert sind und die wohl für Mitleid sorgen sollten.
Der Gerichtssaal ist deshalb so voll, weil gleich neun Angeklagte auf der Anklagebank sitzen, die fast alle aus Dörfern aus dem ostrumänischen Kreis Braila stammen. Hinzu kommen insgesamt 15 Verteidiger, das Gericht, die Staatsanwaltschaft, die Dolmetscherinnen, und fast ein Dutzend Justizvollzugsbeamte.
Kein Prozess gegen Kabeldiebe, weil Schöffe Sarrazin lobte
Aber zur Verlesung der Anklageschrift gegen die neun Rumänen, die sich seit März in Haft befinden, kam es erst gar nicht. Denn gleich nach der Aufnahme der Personalien meldete sich einer der Verteidiger zu Wort. Dieser hatte sich im Internet umgesehen und festgestellt, dass sich dort einer der Schöffen politisch geäußert hatte.
Der Schöffe hatte sich positiv über das Buch „Deutschland schafft sich ab“ des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin geäußert. Ein Schöffe, der einen „Rechtspopulisten“ gut findet, sei für seinen Mandanten nicht hinnehmbar, sagte der Anwalt. Die anderen Verteidiger schlossen sich an.
Der Prozess wurde daher vom Gericht unterbrochen. Am 13. Dezember soll es einen neuen Anlauf geben.


