Reportage
Flaschen sammeln, Minijobs und Tafel statt Rente
Die Rentner in Deutschland werden kreativ, wenn sie plötzlich feststellen, dass ihre Rente zum Leben nicht reicht. Sie betätigen sich etwa als Handwerker, Gärtner oder Flaschensammler. Sie heizen kaum und kaufen abgelaufenes Essen.

In der zweiten Folge der ZDF-Dokumentation „Armes reiches Deutschland“ geht es um die wachsende Altersarmut in Deutschland. Es werden die Schicksale von drei Menschen vorgestellt, die kaum fürs Alter vorgesorgt haben. Stattdessen vertrauten sie auf ein Schneeballsystem: die gesetzliche Rentenversicherung.
Dieter Neumann ist so ein Fall. Fast 50 Jahre lang hat er in die staatliche Rentenkasse eingezahlt, und nun ist er als Rentner überrascht, dass er fast nichts wieder herausbekommt. Doch statt den Fehler bei sich zu suchen, macht er andere für seine unzureichende Vorsorge verantwortlich: „Das finde ich ein große Sauerei“, sagt der Dortmunder.
Um trotzdem über die Runden zu kommen, muss der 75-jährige Witwer nun als Handwerker in der Nachbarschaft anheuern. Er wechselt Türen, fließt ganze Badezimmer und tapeziert Wände. Zum Glück verfügt er dabei über die Fähigkeiten, die eine jahrzehntelange Erfahrung mit sich bringt.
Außerdem geht Dieter Neumann einmal die Woche zur Dortmunder Tafel. Dort kauft er neben Lebensmitteln auch Kleidung und sonstige Gebrauchsgegenstände. Peinlich ist ihm das Annehmen der Almosen aber nicht. „Mir ist es egal, was meine Bekannten sagen“, sagt er.
Wenn Familie von Dieter Neumann zu Besuch kommt, dann müssen seine Kinder den Kuchen mitbringen. Und Geschenke für seine Enkel hat der Opa nur selten. Denn nach Abzug der Fixkosten hat er nur 202 Euro im Monat übrig.
Auch beim Ehepaar Renate Runk (75) und Fritze Geißl (74) aus München reicht die gesetzliche Rente allein nicht zum Leben. Er hat 42 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt, sie 25 Jahre. Dass sie bis ins hohe Alter arbeiten müssen, kam für sie überraschend. Denn bei der Vorsorge haben sie sich dummerweise auf die Rentenkasse verlassen.
Zweimal pro Woche stehen die beiden nun stundenlang in einer Zeitungsdruckerei. Auf 450-Euro-Basis stapeln sie Werbeprospekte. Und um die Ausgaben bei den Lebensmitteln zu reduzieren, bauen sie in einem Schrebergarten 30 Kilometer vor München kiloweise Obst und Gemüse an.
Auch die Berlinerin Marion Zeuger hatte als Bürohilfe und Friseurin 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt. Nun bleiben ihr nur 135 Euro zum Leben und sie muss sogar Angst haben, obdachlos zu werden. Deshalb spart die 70-Jährige, wo es nur geht.
Ihre Heizung bleibt aus, die Lampen werden nur im Notfall angemacht. Im Supermarkt kauft sie vor allem abgelaufenes Essen. Da sie seit 20 Jahren schwerbehindert ist, kann sie kaum Nebenjobs übernehmen. Daher sammelt sie Flaschen. „Ich schäme mich nicht, ich habe immer fleißig gearbeitet“, sagt sie.


