Reportage
„Deutsche haben Angst, dass uns Flüchtlinge überlegen sind“
Der Psychologe Stephan Grünewald sagt, dass die Deutschen Angst haben vor den Flüchtlingen. Denn aufgrund ihres Todesmutes und ihrer Bereitschaft zum totalen Neuanfang scheinen sie uns überlegen zu sein.

Stephan Grünewald ist Chef des Kölner Rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung. Der Psychologe führt jedes Jahr Tausende Interviews mit Deutschen. Dabei begegnet ihm schon seit mehreren Jahren die Angst vor Flüchtlingen.
„Die Menschen glauben, die Zukunft kann nur schlimmer werden. Dadurch entsteht eine Sehnsucht nach permanenter Gegenwart, man will das Paradies konservieren“, sagt Stephan Grünewald im Interview mit der FAZ.
AfD-Wähler haben Angst vor der Digitalisierung
In Mecklenburg-Vorpommern sagten 86 Prozent der AfD-Wähler, dass sie Angst vor Flüchtlingen haben. Doch nach Ansicht des Experten gilt diese Angst „psychologisch betrachtet“ nicht nur den Flüchtlingen. Er sagt:
„Die Welt ist nicht mehr die, die man früher kannte. Die Ungewissheit, wie sich angesichts der ganzen Krisen und der Digitalisierung unsere Welt verändert, führt zu einer diffusen Angst. Eine diffuse Angst verursacht ein Gefühl der Ohnmacht.“
„Sich vor Flüchtlingen zu fürchten, ist letztlich ein Versuch, die diffuse Angst dingfest zu machen. Ihr eine konkrete Gestalt zu verleihen. Wenn die Flüchtlinge das Unheil sind, kann ich tätig werden. Ich kann die Grenzen zu machen, die AfD wählen, oder im schlimmsten Fall Flüchtlingsheime anzünden.“
Flüchtlinge sind die modernen Hexen
„Die Projektion der Angst auf Flüchtlinge funktioniert am besten, wenn man keine kennt. […] Sobald ich Flüchtlinge kennenlerne, relativiert sich die Angst. Ich merke, was ich an ihm mag oder was mich an ihm stört.“
„Viele Menschen, aber auch viele Politiker verspüren, dass uns die Welt entgleitet, es herrscht ein unübersehbarer Umbruch. Und die Flüchtlingskrise ist ein Zurechtmachen der Angst, das sind die modernen Hexen, denen man die Veränderung, die man erlebt, anlasten kann.“
Deutsche fürchten die risikobereiten Flüchtlinge
Doch neben der diffusen Angst vor Flüchtlingen gibt es laut Stephan Grünewald auch zwei konkrete Ängste. „Erstens die Vorstellung, es kommen anarchische, unkultivierte Unholde zu uns, die wie in der Kölner Silvesternacht unsere Frauen missbrauchen und uns bestehlen.
„Und zweitens macht die Vorstellung Angst, dass da Leute kommen, die uns aufgrund ihres Todesmutes, ihrer Risikobereitschaft oder ihrer Bereitschaft zum totalen Neuanfang irgendwie überlegen sind. Viele Menschen sind hierzulande eher risikoscheu oder haben einen Vollkasko-Anspruch.“
Stephan Grünewald: Angst der Deutschen ist wahnhaft
„Angst ist ein sehr gesunder Mechanismus“, sagt der Psychologe. Denn wenn wir keine Angst hätten, dann würden wir vor das nächste Auto laufen. Angst motiviere die Menschen zu erhöhter Wachsamkeit und aktiviere sie zur Problemlösung. Aber:
„Krankhaft ist es, wenn ich mich nicht mehr auf die Realität beziehe, mich in Wahngebilde zurückziehe. Es ist eigentlich nicht erklärbar, dass in so einem stabilen Land wie Deutschland mit einer fantastischen Wirtschaftsleistung die Vorstellung aufkommt, dass eine Million Flüchtlinge den Untergang bedeuten.“
„Und die wahnhafte Angst kann man nur behandeln, indem man wieder einen Realitätsbezug schafft. Von daher ist der direkte Kontakt mit Flüchtlingen nicht nur anstrengend, sondern auch heilsam, weil er angstmindernd wirkt.“


