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Reportage

Leipzig: Willkommenskultur endete in sexuellen Übergriffen

Von Thomas Breithaupt · · 7 Min. Lesezeit

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Der linksalternative Klub Conny Island in Leipzig-Connewitz scheiterte mit seiner Willkommenskultur an sexuellen Übergriffen (Foto: Facebook/Conny Island Leipzig)
Der linksalternative Klub Conny Island in Leipzig-Connewitz scheiterte mit seiner Willkommenskultur an sexuellen Übergriffen (Foto: Facebook/Conny Island Leipzig)
Der linksalternative Klub Conny Island in Leipzig-Connewitz scheiterte mit seiner Willkommenskultur an sexuellen Übergriffen (Foto: Facebook/Conny Island Leipzig)
Der linksalternative Klub Conne Island in Leipzig-Connewitz scheiterte mit seiner Willkommenskultur an sexuellen Übergriffen (Foto: Facebook/Conne Island Leipzig)

Das linke Kulturzentrum Conne Island in Connewitz, einem Stadteil von Leipzig, hieß Flüchtlinge besonders herzlich willkommen. Neben der Roten Flora in Hamburg zählt das Conne Island zu einem der bedeutendsten linken Zentren der Republik. Der Eiskeller, wie der Klub auch genannt wird, veranstaltet auch Diskos. Als im letzten Jahr täglich Tausende Geflüchtete nach Deutschland kamen, wollten die linken Aktivisten besonders vorbildlich sein. Das Kulturzentrum erfand ein eigenes Förderinstrument: den „Refugee-Fuffziger“. Die Idee: Alle Geflüchteten sollten an den Partys und dem Kulturleben des Zentrums teilnehmen können. Als Beitrag mussten sie statt des regulären Eintrittspreises von 10 Euro nur symbolische 50 Cent zahlen. Zur Sicherheit waren Benimmregeln auf Arabisch am Eingang anbebracht worden.

Der Refugee-Fuffziger ging nach hinten los

Das Instrument wirkte sofort: Viele Flüchtlinge fühlten sich angesprochen. Die Klubleitung muss aber heute nüchtern einschätzen: Damit einher ging „der Missbrauch des ‚Refugee-Fuffzigers‘ durch junge Männer mit Migrationshintergrund, die in größeren Gruppen insbesondere Tanzveranstaltungen am Wochenende besuchen und den geringen Eintritt gern bezahlen, um dort für Stress zu sorgen“. Die taz kommentiert: „So wirkte die Maßnahme nicht nur als eine Senkung der Kulturbarriere, sondern auch als Magnet für Konflikte, denen das Kollektiv offenbar nicht gewachsen war.“

Selbst wehrhafte Frauen kamen gegen das Umzingeln, Bedrängen und Begrapschen im Intimbereich nicht an. Sie wollten kein Freiwild sein.

„Ich habe so etwas Zudringliches vorher noch nie erlebt“, sagte Jurastudentin Melanie der taz. Melanie ist 23 Jahre alt, studiert im im ersten Semester und wohnt seit zweieinhalb Wochen in Leizpig. Am Samstag war Melanie zum ersten Mal im Conne Island. Sie zahlte 10 Euro Eintritt, dann ging sie tanzen. Irgendwann an diesem Abend kam dieser Mann auf sie zu, der ihre Sprache nicht sprach. Er kam ihr näher, sie sagte nein. Er hörte nicht auf. Erst als andere Männer schließlich dazwischengingen, wandte er sich von ihr ab. Eine andere Frau, Laura, 30, die nur ab und an zu Partys hierherkomme, vielleicht fünfmal in den letzten Monaten, bestätigt: „Aber jedes Mal bin ich auch bedrängt worden von Männern, die meine Sprache nicht sprechen. Das sind penetrante Typen, die nicht ablassen.“

Die linke Klubleitung diskutierte darüber, wie die Willkommenskultur noch zu retten sei. Man wollte keine Hetze betreiben. Das würde ja AfD und Pegida zuspielen. Aber beim Darüber-Reden kam man am Rassismus nicht vorbei. Am 7. Oktober 2016 entschloss sich das Conne Island zu einem Offenen Brief, um das Thema auch von Links anzugehen. Es ist ein öffentlicher Hilferuf.

Im Brief des Conne Island Plenums heißt es auszugsweise:

„Das Leipziger Kulturzentrum Conne Island über einen misslungenen Versuch, Willkommenskultur und den Schutz vor sexistischen Übergriffen zu vereinbaren. Ein Schritt vor, zwei zurück…

Gemeinsam zu feiern und im Zuge dessen wie von selbst eine Integration junger Geflüchteter im Conne Island zu erreichen, stellte sich als recht naiver Plan heraus. Es reichte eben nicht aus, mehrsprachige Poster mit Hinweisen zu richtigem Verhalten auf Partys aufzuhängen…

Gesellen sich zu Selbstüberschätzung und mangelhaftem Sozialverhalten dann noch Alkohol und/oder andere Drogen, laute Musik und die unübersichtliche Situation im Club, wird für Frauen der ausgelassene Tanzabend schnell zum Spießrutenlauf. Wer bereits die Erfahrung einer ungewollten Berührung im Schritt oder eines umzingelnden, penetranten Antanzversuchs gemacht hat, überlegt sich plötzlich zweimal, ob ein Samstagabend mit Netflix nicht sinnvoller ist, als sich mit aufdringlichen Blicken, Sprüchen und Gegrapsche auseinanderzusetzen. Dies betrifft auch Frauen, die grundsätzlich schlagfertig und wehrhaft sind und sich körperlich nicht als den meisten Männern unterlegen empfinden..

Die stark autoritär und patriarchal geprägte Sozialisation in einigen Herkunftsländern Geflüchteter und die Freizügigkeit der westlichen (Feier-)Kultur bilden auch bei uns mitunter eine explosive Mischung. Sexistische Anmachen und körperliche Übergriffe sind in diesem Zusammenhang im Conne Island und in anderen Clubs vermehrt aufgetreten – auch mit der Konsequenz, dass weibliche Gäste auf Besuche verzichten, um Übergriffen und Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Hierbei müssen wir uns ganz klar die Frage stellen, ob wir uns als Plenum ausreichend solidarisch mit den Betroffenen gezeigt oder auf den antisexistischen Bemühungen der letzten Jahre ausgeruht haben..

Unsicherheit des Secu-Personals im Umgang mit Migranten aufgrund von Sprachbarrieren und Angst vor einem ungerechtfertigten Rassismusvorwurf erschwerten einige Male die Lösung von Konflikten bei Veranstaltungen. Dabei erlebten wir teilweise eine neue Qualität der Vorfälle – meist unabhängig von der Besucher_innenzahl und der Art der Veranstaltung. Entgegen unseres üblichen Vorgehens musste beispielsweise. in mehr als einem Fall die Polizei eingeschaltet werden, da das Maß an körperlicher Gewalt gegenüber den Secu-Personen nicht mehr zu handhaben war. Aufgrund dieser Überforderung kam sogar die Überlegung auf, Parties vorübergehend auszusetzen. Dabei war vonseiten des Plenums immer klar, dass keine doppelten Standards angelegt werden können. Sexistisches, homophobes, rassistisches oder antisemitisches Verhalten wird nicht akzeptiert und kann auch nicht durch Herkunft oder Sozialisation gerechtfertigt werden. Immer wieder machen Betreiber_innen des Conne Islands und anderer Projekte aber auch die Erfahrung, dass unbeteiligtes Publikum zum Problem werden kann. In vorauseilendem Antirassismus wird Einlasspersonal zurechtgewiesen, wenn Personen mit Migrationshintergrund des Platzes verwiesen werden oder es werden kulturalistische Erklärungsmuster zur Verharmlosung sexistischer Übergriffe angebracht (‚Woher soll er wissen, dass man hier mit Frauen so nicht umgeht?‘).

Uns zur Problemlage so explizit zu äußern, fällt uns schwer, da wir nicht in die rassistische Kerbe von AfD und CDU/CSU schlagen wollen. Die Situation ist jedoch derart angespannt und belastend für viele Betroffene und auch für die Betreiber_innen des Conne Islands, dass ein verbales Umschiffen des Sachverhalts nicht mehr zweckdienlich scheint. Wir halten eine Thematisierung der Problematik innerhalb der Linken für längst überfällig und wollen dem Rechtspopulismus nicht die Deutungshoheit in dieser Debatte überlassen. Mehrere Anläufe einer öffentlichen Auseinandersetzung zur Situation in Kooperation mit anderen Clubs wie dem Institut für Zukunft (IfZ) schlugen fehl, da es den meisten Veranstalter_innen ähnlich schwer fällt sich zu artikulieren, ohne dabei in den rassistischen Tenor einzustimmen.

Das Plenum sucht seit mehreren Monaten nach Lösungen, die sowohl den bestmöglichen Schutz für Frauen und LGBTQ als auch die Möglichkeit der Integration miteinander vereinbaren können. Zum einen führte dies im Frühjahr 2016 zur Aufstockung des Secu-Personals – in erster Linie bei Tanzveranstaltungen – wodurch eine durchschnittliche Preiserhöhung von einem Euro pro Ticket zustande kam. Zum anderen wurde die 50-Cent-Regelung insofern geändert, als dass Refugees nur noch nach vorheriger Anmeldung per Email für den Spendenbeitrag Einlass erhalten und ohne Anmeldung regulären Eintritt zahlen müssen. Diese Maßnahmen haben zu einer leichten Entspannung der Situation beigetragen, die aber weder das Plenum, noch die Secu-Verantwortlichen oder die Gäste vollends zufrieden stellt. Der Diskurs dazu ist längst nicht abgeschlossen und bisher gefällte Beschlüsse müssen zukünftigen Entwicklungen angepasst werden.

Der ‚Hilferuf‘ des links-alternativen Freiburger Clubs White Rabbit Anfang des Jahres und die Reaktionen aus Presse und linken Kreisen zeigten deutlich, wie schwierig es ist, offensiv solidarisch mit Geflüchteten zu sein, rechten Stimmungen entgegenzuwirken und gleichzeitig anzuerkennen, dass mit dem Tragen eines ‚Refugees Welcom’“-Beutels eben nicht automatisch alle Probleme und Konflikte gelöst sind.

Fakt ist und bleibt, dass sexistische Übergriffe, mackerhaftes Auftreten, antisemitisches, rassistisches und anderweitig diskriminierendes Verhalten im Conne Island nicht geduldet werden und jede Person, die sich nicht an unsere Regeln hält, des Eiskellers verwiesen wird – ungeachtet seiner/ihrer Herkunft. Dieser Ort mit seinen Grundsätzen, wie wir ihn uns in den letzten 25 Jahren erkämpft haben, muss bestehen bleiben – trotz und gerade wegen der turbulenten gesellschaftlichen Situation, in der wir uns momentan befinden.“

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Thomas Breithaupt

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