Reportage
Kommunen erwarten dieses Jahr 733.000 Flüchtlinge
Knapp ein Drittel der Kommunen rechnet damit, dass sie sich dieses Jahr wegen der Flüchtlinge verschulden müssen. Gerade in den Ballungszentren, wo es die meisten Migranten hinzieht, ist der Wohnraum teuer.

Die deutschen Kommunen erwarten für dieses Jahr die Aufnahme von insgesamt 733.000 Flüchtlingen. Das ist Ergebnis einer Umfrage unter deutschen Städten, die EY im Mai durchgeführt und am Donnerstag veröffentlicht hat.
Für die Studie „Flüchtlingsintegration: Herausforderungen für deutsche Kommunen“ gaben 300 der insgesamt 1.554 Städte und Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern Auskunft. Da auch in Kommunen mit einer geringeren Bevölkerungszahl Flüchtlinge leben, sind die tatsächlichen Zahlen noch höher.
Schon seit dem vergangenen Jahr haben die deutschen Städte und Gemeinden den für Flüchtlinge benötigten Wohnraum massiv ausgebaut. Stand Ende April 2016 beherbergen allein die Kommunen mit mehr als 10.000 Einwohnern zusammen 836.000 Flüchtlinge.
Kommunen müssen sich verschulden
Bisher musste der Großteil der Städte keine zusätzlichen Schulden für die Flüchtlingsunterbringung aufnehmen. Doch in diesem Jahr rechnen 29 Prozent der befragten Kommunen mit einem höheren Schuldenstand durch Aufnahme, Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen.
Die Schulden der Städte und Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern werden dieses Jahr durch die Flüchtlinge um 1,1 Milliarden Euro steigen. Für das kommende Jahr erwarten die Kommunen einen weiteren Anstieg der Schulden um 670 Millionen Euro.
Die Bundesregierung zahlt den Bundesländern zwar 670 Euro je Asylbewerber im Monat. Doch die Finanzierung der Kommunen variiert. Manche Bundesländer zahlen Pauschalen für die Flüchtlinge, andere Länder wie Bayern rechnen deren Ausgaben ab.
Großstädte haben die größten Finanzprobleme
Einige Kommunen kommen mit dem Geld aus, das sie von ihrem Bundesland erhalten. Die Ausgaben auf dem Land mit häufig leerstehenden Wohnungen geringer sind. Doch gerade in Großstädten mit hohen Immobilienkosten dürften die Zahlungen nicht ausreichen.
Hinzu kommen höhere Personalausgaben durch zusätzliche Mitarbeiter in der Verwaltung oder der Ausbau der Kinderbetreuung. Manche Kommune dürfte hierfür auch andere Ausgaben kürzen, um sich nicht zusätzlich zu verschulden.
„Vor allem in den Ballungszentren übersteigt die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum das Angebot deutlich – und gerade in diese Regionen zieht es viele Flüchtlinge“, zitiert die FAZ Dietmar Fischer, Partner bei EY Real Estate. Zumindest in den größeren Städten gebe es einen erheblichen Bedarf an Wohnraum.
So werden die Flüchtlinge untergebracht
Nach Einschätzung der Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern fehlte Stand Ende April Wohnraum für 95.000 Flüchtlinge. Nach den EY-Berechnungen steigt der fehlende Wohnraum bei unveränderten Kapazitäten bis Jahresende auf 464.000 Plätze.
„Der Zustrom nach Deutschland wird sich in den kommenden Monaten fortsetzen – und darauf ist der deutsche Wohnungsmarkt derzeit nicht vollumfänglich vorbereitet.“ Die Kommunen nennen verschiedene Schwierigkeiten für die Unterbringung der Flüchtlinge:
- die fehlende Prognose der Flüchtlingszahlen – 72 Prozent
- den Mangel an geeigneten Räumlichkeiten – 61 Prozent
- fehlende Personalressourcen – 28 Prozent
Noch im Herbst des vergangenen Jahres hatten nur 78 Städte Wohnraum für mindestens 1.000 Flüchtlinge. Inzwischen sind dies 187 Städte. Zur Unterbringung der Flüchtlinge nutzen die Kommunen:
- leerstehende oder neu errichtete Wohngebäude – derzeit: 339.000 Flüchtlinge (bis Jahresende 473 000)
- privat vermittelte Unterkünfte –215.000 Flüchtlinge (bis Jahresende 300.000)
- zuvor ungenutzte Liegenschaften wie ehemaligen Schulen oder Kasernen – 136.000 Flüchtlinge (bis Jahresende 190.000)
- in Wohncontainern – 108.000 Flüchtlinge (bis Jahresende 151.000).
Die Kommunen in Nordrhein-Westfalen erwarten für dieses Jahr den Zuzug von 191.000 Flüchtlingen. Die Hälfte dieses Wertes war allerdings schon Ende April erreicht. Vier von zehn Kommunen wollen weitere Wohngebäude für Flüchtlinge bauen.


