Hepatitis A verbreitet sich in Berlins Schwulen-Szene

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In Berlins Schwulen-Szene ist die Leberentzündung Hepatitis A ausgebrochen. Kondome helfen nicht, weil die Viren auch auf fäkal-oralem Weg übertragen werden können. Experten warnen wegen der anstehenden Oster-Fetischwoche.

Hepatitis A verbreitet sich in Berlins Schwulen-Szene
Berlins Staatssekretär für Gesundheit, Boris Velter (SPD) hat bereits eine Aufklärungs-Kampagne in Schwulen-Medien geschaltet. (Screenshot: YouTube)

Seit November 2016 sorgt in Berlin der Sex zwischen Männern für einen Ausbruch von Hepatitis A. Wegen Impflücken und bevorstehender Szene-Großereignisse auch an Ostern rechnen Experten noch nicht mit einem schnellen Ende der Welle.

Von den insgesamt 85 Fällen von Hepatitis A in Berlin gehen bisher mindestens 54 nachweislich auf Sex zwischen Männern zurück, sagt Daniel Sagebiel vom Landesamt für Gesundheit und Soziales. Das Ausmaß in dieser Gruppe ist bundesweit einzigartig.

Von den drei in Berlin kursierenden Hepatitis-A-Stämmen trat einer in Großbritannien auf, mit Verbindung zu Aufenthalten in Spanien. Ein weiterer ist in den Niederlanden im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Europride-Parade gefunden worden, sagt Daniel Sagebiel.

Nach Daten der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC wurden die beiden Stämme von Februar 2016 bis Februar 2017 knapp 300 Mal in 13 europäischen Ländern nachgewiesen, ebenfalls überwiegend nach Sex unter nicht geimpften schwulen Männern.

Die Leberentzündung Hepatitis A ist vor allem in der Dritten Welt verbreitet. Deutsche fangen sich die Viren meist als Urlauber beim Muschelessen am Mittelmeer ein oder durch verunreinigtes Wasser in Asien.

Zwar sind anders als bei anderen Hepatitis-Formen keine Langzeitfolgen zu befürchten. Doch mit Übelkeit, Erbrechen, Oberbauchschmerzen und einer Gelbfärbung von Haut und Augen sorge Hepatitis A für ein starkes Krankheitsgefühl.

„Da ist man über Wochen wirklich abgeschlagen, nicht arbeitsfähig“, zitiert die Berliner Zeitung die Expertin für Aids und HIV am Berliner Robert Koch-Institut, Viviane Bremer. Die Anzahl der Fälle in Berlin sei „sehr außergewöhnlich“.

Auffällig sei ebenfalls, dass etwa ein Drittel der Betroffenen HIV-Infizierte sind. Normalerweise würden eher einige kleine Ausbrüche in Deutschland beobachtet, sagt Viviane Bremer. Einen größeren Ausbruch unter Schwulen gab es 2008/2009 in Barcelona mit rund 150 Fällen.

Auch in Berlin gab es vor 20 Jahren schon einmal einen Ausbruch, als sich rund 40 Homosexuelle mit Hepatitis A ansteckten. Im Jahr 2003 war München betroffen. Zudem gab es auch schon Häufungen in Großbritannien und Skandinavien.

Für eine nähere Untersuchung des Ausbruchs hat sich eine Arbeitsgruppe mit Experten von RKI, Gesundheitsämtern und Lageso gebildet. Die Spur führt in den allermeisten Fällen in Clubs und Darkrooms, wo Männer spontanen Sex haben.

Anders als beim HI-Virus bieten Kondome keinen Schutz vor einer Ansteckung mit Hepatitis A. Denn Schmierinfektionen auf fäkal-oralem Weg sind auch beim Einsatz von Präservativen noch möglich. Schwulen mit Partnerwechseln wird daher eine Immunisierung empfohlen.

„Es gibt eine sehr wirksame Impfung gegen Hepatitis A, die für Risikogruppen auch kostenfrei ist“, sagt Daniel Sagebiel vom Landesamt für Gesundheit und Soziales. Aus Sicht der Gesundheitsbehörden outet sich nicht jeder Mann beim Arzt.

Die Überträger wissen oft noch gar nichts von ihrer Erkrankung – besonders ansteckend ist man bei Hepatitis A, bevor die Symptome auftreten. Die Krankheit bricht teils erst nach einem Monat aus.

„Am wichtigsten ist, die besonders betroffenen Zielgruppen darüber zu informieren, dass sie sich impfen lassen sollten“, sagt Berlins Staatssekretär für Gesundheit, Boris Velter (SPD). Im März habe man bereits eine Info-Kampagne in Schwulen-Medien geschaltet. Geholfen hat das nicht.

„Im Moment sehen wir nicht, dass es weniger wird“, sagt Viviane Bremer vom Robert Koch-Institut. „Das ist es, was uns etwas beunruhigt.“ Denn eine Oster-Fetischwoche bis Mitte April und die Pride Weeks im Juli mit dem Christopher Street Day am 22. Juli stünden an.

Bei diesen Veranstaltungen gibt es Sexpartys, und es kommen auch viele Gäste aus dem Ausland nach Berlin. „Das sind Gelegenheiten für neue sexuelle Kontakte“, sagt Viviane Bremer. Aus Sicht der Experten droht die Gefahr, dass sich das Virus auch international weiter ausbreitet.

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9 KOMMENTARE

  1. Ich find es immer wieder lächerlich, wenn behauptet wird, irgendwer könnt eim Nachhinein zweifelsfrei feststellen, welche konkrete Situation genau die Ursache der Erkrankung gewesen sein soll. Wie will man sowas herausfinden und alle anderen Möglichkeiten zweifelsfrei ausschließen können?

    Ebenso lächerlich finde ich es, wenn bei 85 Fällen auf zig Tausende gleich so gesprochen wird, als würde es sich um einen Epidemieausbruch handeln. Wenn 85 Fälle schon alarmierend sind, muss es ja ansonsten nahezu NULL geben. Die Krankheit existiert also quasi kaum.

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