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Reportage

Erdogans Einfluss an Berlins Grundschulen wächst

Von Thomas Breithaupt · · 4 Min. Lesezeit

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Erdogan Konsulatslehrer Grundschulen Berlin
Erdogan-Kritiker fürchten, dass Konsulatslehrer an Berlins Grundschulen Propaganda betreiben. (Screenshot: YouTube)

An 150 staatlichen Grundschulen in Berlin sind Konsulatslehrer tätig, die direkt von Türkei entsandt werden. Sie unterrichten Türkisch und Heimatkunde. Kritiker befürchten, dass künftig nur noch Erdogan-treue Lehrer entsandt werden.

Erdogan Konsulatslehrer Grundschulen Berlin
Erdogan-Kritiker fürchten, dass Konsulatslehrer an Berlins Grundschulen Propaganda betreiben. (Screenshot: YouTube)

In den letzten zehn Jahren hat die Türkei ihren Einfluss auf deutsche Schulen erheblich ausgeweitet. Allein in der Hauptstadt unterrichten nach Angaben der Berliner Bildungsbehörde an 150 Schulen sogenannte Konsulatslehrer. Das sind etwa anderthalb mal so viele wie noch im Jahr 2007.

Die Konsulatslehrer unterrichten an staatlichen deutschen Grundschulen Heimatkunde und Türkisch. Diese Lehrer werden aber nicht etwa von deutschen Behörden kontrolliert, sondern von der Türkei. Und seit dem Putschversuch in der Türkei setzt das Land jetzt offenbar nur noch Erdogan-treue Konsulatslehrer ein.

Özcan Mutlu fürchtet Erdogan-Propaganda an Berlins Schulen

Dies ist für Politiker und Verbände ein Problem. „In Anbetracht der politischen Entwicklungen in der Türkei ist es angebracht, den Konsulatsunterricht an Berliner Schulen durch Lehrer aus der Türkei genauestens unter die Lupe zu nehmen“, sagte der grüne Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu dem Tagesspiegel. Politische Propaganda dürfe nicht hingenommen werden.

Der Konsulatsunterricht orientiert sich an einer Richtlinie des EU-Rates über die Kinder von „Wanderarbeitnehmern“. Auch andere Bundesländer bieten Konsulatsunterricht an. Allein in Hamburg nehmen daran knapp 900 türkischstämmige Schüler an rund 60 Schulen teil. Hamburg unterstützt finanziell diesen Unterricht.

Das Bundesland Berlin hingegen beschränkt die Unterstützung des Konsulatsunterrichts seit dem Jahr 2002 darauf, dass die aus der Türkei entsandten Lehrer die Räume an staatlichen deutschen Schulen kostenlos nutzen dürfen. Der Berliner Schulbehörde ist nicht bekannt, wie viele Schüler in Berlin daran teilnehmen.

Eltern wollen türkischen Unterricht für ihre Kinder

Laut einer Umfrage des Tagesspiegels an mehreren Grundschulen unterrichten die Lehrer ein- bis zweimal wöchentlich am Nachmittag Gruppen von rund 15 Kindern jeweils 90 Minuten. Das Interesse am Konsulatsunterricht ist deshalb so groß, weil die türkischen Eltern für ihre Kinder einen muttersprachlichen Unterricht wünschen.

„Wir möchten, dass unsere Kinder etwas Türkisch schreiben können und die wichtigsten Feiertage und Gebräuche kennenlernen“, sagt ein Vater. Er sei aber entsetzt gewesen, in welcher Form der Konsulatsunterricht stattfand, nämlich „erzkonservativ, autoritär, nationalistisch“. Der Vater meldete seinen Sohn daraufhin ab.

Ein anderer Vater konnte erreichen, dass ein Lehrer vom türkischen Konsulat ausgetauscht wurde. Eine solche Einmischung von Eltern ist aber die Ausnahme. „Bildungsferne Elternhäuser hinterfragen den Unterricht gar nicht“, sagt eine Neuköllner Schulleiterin.

Andere Schulleiter sagen, dass die Konsulatslehrer kein Deutsch sprechen und keinen Kontakt zu den Kollegen suchen. An der Kreuzberger Galilei-Grundschule hingegen arbeitet man laut Schulleiterin Yvonne André sehr gut mit dem Konsulatslehrer zusammen.

Künftig nur noch Erdogan-treue Konsulatslehrer in Berlin?

Noch weiß bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nicht jeder, was Konsulatslehrer sind. Der Berliner GEW-Chef Tom Erdmann etwa sagte, er habe „noch nie davon gehört“. Allerdings sprach erst vor wenigen Tagen bei der GEW-Landesdelegiertentagung die Generalsekretärin der türkischen Bildungsgewerkschaft, Sakine Esen Yilmaz.

Die Gewerkschafterin hat in Deutschland Asyl beantragt, weil sie in ihrer Heimat mit einer Haftstrafe von 22 Jahren rechnet. Sakine Esen Yilmaz berichtete auf der GEW-Tagung, dass in der Türkei „bis zu 70.000 Lehrkräfte“ entlassen und gegen Erdogan-Getreue ausgetauscht worden seien.

Mit einem solchen „Austausch“ von Lehrkräften wird auch in Berlin gerechnet. Die Konsulatslehrer sind nur für fünf Jahre abgeordnet. Spätestens wenn ihre Zeit um ist, können sie durch Erdogan-treuen Nachschub ersetzt werden. Alle Konsulatslehrer müssen einen Fragebogen ausfüllen, in dem sie ihre Anschauungen und Herkunft angeben müssen.

Rot-Rot-Grün bringt neue Fremdsprachen an Berlins Schulen

In Berlin sprechen rund 115.000 Schüler zuhause kein Deutsch, die meisten von ihnen sind türkischstämmig. Rund 7.500 haben noch den türkischen Pass. Der Berliner Erziehungswissenschaftler Jörg Ramseger fordert seit Langem, dass der Senat den Migranten-Kindern mehr Möglichkeiten bietet, ihre Muttersprachen auch in der Schule zu erlernen.

Andernfalls erhöhe sich das Risiko, dass die Kinder weder ihre Muttersprache noch Deutsch richtig sprechen können, geschweige denn schreiben. Da sie ihre Erstsprache nur im mündlichen „Hausgebrauch“ nutzen, hätten sie kein solides Fundament für den Zweitspracherwerb. Dadurch verkümmerten der Wortschatz und die Vorstellungswelt.

Der neue rot-rot-grüne Senat will das Fremdsprachenangebot an den Berliner Schulen deutlich erweitern. Besonderes Augenmerk soll auf Türkisch, Arabisch und Kurdisch liegen. Allerdings gibt es dafür noch nicht genug Lehrer. Flüchtlinge können ihre Muttersprache künftig als erlernte Fremdsprache anerkennen lassen. Das soll ihnen den Schulabschluss erleichtern.

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