Reportage
Berlin ist die liebste Stadt der Finanz-Startups
Global gesehen wird die Fintech-Szene von Nordamerika, Asien und Großbritannien dominiert. Doch auch Berlin hat viele Finanz-Startups anlocken können, mehr als jede andere deutsche Stadt. Der Senat erhofft sich von den Fintechs auf viel Geld.

Für Bankgeschäfte muss man heute nicht mehr das Haus verlassen. Denn die sogenannten Fintechs (Verbindung aus Finanzen und Technologie) bieten ihren Kunden sämtliche Finanzdienstleistungen im Internet an. So kann man etwa online einen Kredit erhalten, Geld im Ausland anlegen oder per Mausklick innerhalb von Minuten das Konto wechseln.
In Berlin sind in den letzten Jahren besonders viele Fintechs entstanden. Von bundesweit 250 dieser jungen Finanzunternehmen sitzen 70 in der Hauptstadt – so viele wie in keiner anderen deutschen Stadt. In Frankfurt am Main gibt es bisher nur bisher 56 Fintechs. Daher bemüht sich Deutschlands Finanzmetropole, die jungen Finanzfirmen von der Spree abzuwerben.
„Zurzeit ist Berlin attraktiver. Aber wir holen auf“, zitiert der Tagesspiegel Zeljko Kaurin, Vorstandsmitglied der ING Diba. Und Carsten Kengeter, der Chef der Deutschen Börse, forderte unlängst: „Frankfurt soll Deutschlands führendes Fintech-Zentrum werden.“
Berlin ist in Deutschland führend bei den Fintechs
Geldgeber haben im vergangenen Jahr 80 Millionen Euro in die Berliner Fintechs investiert, so eine Studie der Investitionsbank Berlin (IBB). „Berlin hat sich innerhalb kürzester Zeit zum deutschen Zentrum für junge Fintech-Unternehmen entwickelt“, sagt Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU). Sie hofft, dass mit den Fintechs in Berlin ein neuer Finanzplatz entsteht.
In Berlin ist man sich der Konkurrenz aus Frankfurt am Main durchaus bewusst. Die Wirtschaftssenatorin sagt, man dürfe sich auf dem Erreichten nicht ausruhen. Die Förderung der Fintechs ist für sie „ein persönliches Anliegen“. Es vergehe keine Woche, in der sie sich nicht mehrere Male mit dem Thema befasst.
Vier Berliner Fintechs konnten zuletzt zweistellige Millionenbeträge von Investoren einsammeln, zitiert der RBB den Vorstandschef der IBB, Jürgen Allerkamp. Dabei handle es sich um N26, den Anbieter eines mobilen Girokontos, um Finleap, ein Unternehmen, das Gründer unterstützt, das Versicherungsmodell Friendsurance sowie die Kreditplattform Spotcap.
So kämpfen Berlin und Frankfurt um die Fintech-Gründer
Die Unternehmensgründung in Frankfurt oder in Berlin ist für die Fintechs eine Grundsatzentscheidung. Wollen sie in Frankfurt in der Nähe der Großbanken sitzen, mit denen sie später kooperieren könnten, oder gehen sie nach Berlin, wo sie leichter an Tech-Experten kommen?
Am 1. Oktober eröffnet die hessische Landesregierung zusammen mit der Stadt Frankfurt und der Goethe-Universität das „Tech Quartier“. Dies ist ein Fintech-Zentrum, in dem 114 Arbeitsplätze für junge Gründer bereit stehen sollen.
Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) spricht von einem Ort, „wo man sich trifft und auch mal Party machen kann“. Allerdings wird das „Tech Quartier“ nicht die erste Anlaufstelle für Fintechs sein. Sowohl in Berlin als auch in Frankfurt gibt es bereits mehrere.
In der Hauptstadt betreibt die Deutsche Bank zum Beispiel ihr „Innovation Lab“. Roland Berger und der Kreditkartenanbieter Visa haben hier einen „Digital Innovation Hub“ aufgebaut. In Frankfurt hat die Deutsche Börse in diesem Jahr ihren „Fintech Hub“ eröffnet, die Commerzbank fördert Gründer im „Main Incubator“.
Der Kampf um die Londoner Finechs
Nicht nur um die deutschen Fintech-Gründer führen Berlin und Frankfurt einen harten Kampf. Seit dem Brexit-Votum wollen sie nun auch Londoner Fintechs anlocken. Denn wenn die Briten aus der EU austreten, dann können die Gründer von London aus vermutlich nicht mehr so leicht in EU-Staaten expandieren.
Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer war deshalb erst kürzlich auf der London Fintech Week. Dort warb sie für die deutsche Hauptstadt. Und ihr Amtskollege aus Hessen, Tarek Al-Wazir, besuchte in London gerade das Fintech-Zentrum „Level 39“, um dort Werbung für Frankfurt zu machen.
PR-Schlacht zwischen Dennis Just und Dr. Sebastian Grabmaier
Der Streit darum, welcher Fintech was wie gut kann, wird mitunter öffentlich ausgetragen. Auf diese Weise bietet man den Medien viel Stoff für unterhaltsame Geschichten, sodass die PR-Abteilungen viel Geld sparen können. Dies zeigt der aktuelle Streit zwischen Dennis Just, CEO des Fintechs Knip, und JDC-Vorstandschef Dr. Sebastian Grabmaier.
Der mediale Streit zwischen den beiden Unternehmenschefs begann Mitte August damit, dass Dennis Just, Gründer und Chef des deutsch-schweizerischen Insurtechs Knip, in einer Pressemitteilung einen auffälligen Seitenhieb gegen die JDC Group platzierte.
Die Reichweiten des Vergleichsportals Geld.de seien „sehr ernüchternd“, schrieb Dennis Just. Die JDC Group unter Vorstandschef Dr. Sebastian Grabmaier hatte das Portal kürzlich von dem mittlerweile insolventen Internetportalbetreiber Unister gekauft.
Dennis Just wies darauf hin, dass sich die Zahl der monatlichen Besucher von Geld.de seit März auf unter 71.000 fast halbiert haben. Warum sollte dem Maklerpool JDC Group die Rettung des Portals besser gelingen als den ausgewiesenen Online-Experten von Unister, fragte Dennis Just.

Dr. Sebastian Grabmaier hingegen ist mit der Transaktion weiter sehr zufrieden, berichtet Fonds professionell. Bei Geld.de würden die Zahlen stimmen – im Gegensatz zu vielen anderen Startups. Und dann holt auch der JDC-Vorstandschef zu einem Seitenhieb auf den Konkurrenten Knip aus, über den sich Journalisten freuen.
„Von über 70.000 Seitenaufrufen im Monat, über 150.000 aktiven Kunden mit über 200.000 Verträgen, knapp fünf Millionen Euro Umsatz und drei Millionen Euro Ebit-Beitrag kann Knip noch lange träumen!“
Zudem hatte Knip-Chef Dennis Just sein Unternehmen als Marktführer im Bereich der Versicherungs-Apps dargestellt. Mehr als die Hälfte der 1,2 Millionen bis Juni dieses Jahres heruntergeladenen Versicherungs-Apps würden auf Knip entfallen, auf die Apps von Maklerpools wie der JDC-Tochter Jung, DMS & Cie. hingegen gerade einmal fünf Prozent.
Dazu sagte wiederum JDC-Vorstandschef Dr. Sebastian Grabmaier: „Makler generierten über die JDC-Smartphone Plattform ‚Allesmeins‘ in den ersten Monaten durchschnittlich schon in etwa einen Neuvertrag pro Download.“
Knip sollte sich bezüglich seiner Konversionsraten große Sorgen machen, „wenn sich die aus einer halben Million Downloads resultierenden Kunden- und Vertragszahlen so äußerst bescheiden ausnehmen, wie man hört“, so Grabmaier.
Der globale Kampf der Finanz-Startups
„Fintechs können sich zu wichtigen Arbeitgebern in der Stadt entwickeln“, sagt IBB-Vorstandschef Jürgen Allerkamp. In Berlin beschäftigen die Finanz-Startups schon jetzt mindestens 2.000 Mitarbeiter. Und in London, New York oder Sydney beschäftigen Fintechs bereits das 30-fache an Mitarbeitern.
Im internationalen Vergleich werde die Fintech-Szene von Nordamerika, Asien und Großbritannien dominiert. Für den Facebook Messenger etwa ist eine Funktion zum Geldsenden an Freunde geplant. Und über den chinesischen Instant-Messaging-Dienst Wechat soll man bald auch in Europa Geld überweisen können.
Um der globalen Konkurrenz zu begegnen, fordert Chris Bartz, der beim Branchenverband Bitkom den Arbeitskreis Fintechs leitet, dass Berlin und Frankfurt an einem Strang ziehen. Zum Beispiel sollten sie sich gemeinsam für eine Fintech-freundliche Regulierung einsetzen. Denn viele Regeln für Finanzdienstleister stammen aus einer Zeit vor der Digitalisierung.


