Reportage
Schwule Muslime finden in Berlin keine Moschee
Der Lesben- und Schwulenverband hat kritisiert, dass Homosexuelle von den großen Berliner Moscheevereinen ausgrenzt werden. Schwule Muslime hätten es schwer, eine Moschee zu finden, und würden zwangsverheiratet.

Der Lesben- und Schwulenverband kritisiert die großen Berliner Moscheevereine. Denn beim Thema Homosexualität gebe es im praktischen religiösen Leben keinerlei Fortschritte. Schwule Muslime hätten es in der Hauptstadt weiterhin schwer.
„Vielen ist ihre Religion sehr wichtig, und es ist für sie belastend, dass sie keine Institution haben, in der sie regelmäßig ihrem Glauben nachgehen können“, zitiert die Berliner Zeitung den Geschäftsführer des Berliner Lesben- und Schwulenverband, Jörg Steinert.
Auch die Zwangsverheiratung schwuler Muslime sei in Berlin ein Problem. „Bei uns suchen jeder Jahr bis zu zehn Männer Hilfe“, sagt Jörg Steinert. Doch anders als für junge Mädchen und Frauen gebe es für sie kaum einen Schutz. Eine Krisenwohnung als Fluchtpunkt ist erst noch im Aufbau.
Oft seien Männer Ende 20 von Zwangsheirat betroffen. Denn anders als Mädchen und jungen Frauen würde den Männern länger Zeit gelassen. Dann aber werde auch bei ihnen Zwang eingesetzt, um eine Eheschließung herbeizuführen.
Eine bessere Zusammenarbeit als mit den Berliner Moscheevereinen sieht der Geschäftsführer des Berliner Lesben- und Schwulenverband mit dem liberal-islamischen Bund und dem Türkischen Bund. Auch alevitische Gemeinden seien oft liberaler eingestellt.
Jörg Steinert setzt große Hoffnungen darin, dass die aus der Türkei stammende Rechtsanwältin und Autorin Seyran Ates für Mitte Juni in Berlin die Eröffnung einer liberalen Moschee plant. Diese soll Sunniten, Aleviten, Schiiten und Sufis gleichermaßen offenstehen.
Die evangelische Kirche, die jüdischen Gemeinden und die Altkatholiken sieht Jörg Steinert beim Abbau von Vorurteilen an seiner Seite. Selbst im katholischen Erzbistum gebe es Bewegung, besonders bei der Hilfe für schutzbedürftige homosexuelle Flüchtlinge.
Allerdings bleiben die katholischen Amtsträger laut Jörg Steinert bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften weiterhin auf Distanz. Dies gelte aber nicht für die Gläubigen, welche die Sexualmoral ihrer eigenen Kirche offen kritisieren.
Diskriminierungen, Beleidigungen und Gewalttaten gegenüber Homosexuellen verharrten in Berlin auf einem gleichbleibenden Niveau. Allerdings zeigten die jährlich rund 120 Anzeigen bei der Polizei und rund 200 Anrufe beim Überfalltelefon nur die Spitze des Eisbergs.
„Diskriminierung findet weiterhin in allen Lebensbereichen statt“, sagte Jörg Steinert. Bereits in den Grundschulen verwendeten die Schüler das Wort „schwul“ als Schimpfwort. Lehrer und Eltern seien an Anti-Mobbing-Strategien aber sehr interessiert.
Erfolge sieht der Geschäftsführer des Berliner Lesben- und Schwulenverband auch bei der Aufklärungs-Arbeit in Fußballvereinen. Und auch mit der Berliner Polizei und der Staatsanwaltschaft ist er sehr zufrieden.
Diese gingen in der Regel offen und transparent mit dem Thema Homosexualität um. Nach Beschimpfungen wie „Schwuchtel“ oder „Dreckslesbe“ hätten Berliner Amtsgerichte im vergangenen Jahr zum Beispiel Geldstrafen in Höhe von mehreren Hundert Euro verhängt.


