Reportage
Angst vor Terror legt deutsche Fanmeilen lahm

30 Prozent aller an Fußball interessierten erwachsenen Deutschen wollen aus Furcht vor Anschlägen während der Fußballeuropameisterschaft (10. Juni bis 10. Juli 2016) öffentliche Plätze wie Fanmeilen meiden und die Spiele nicht auf Großleinwänden beim Public Viewing verfolgen. Das ergab eine Umfrage des internationalen Marktforschungs- und Beratungsinstituts YouGov Deutschland GmbH mit Hauptsitz in Köln und Niederlassung in Berlin Mitte im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur GmbH dpa aus Hamburg.
Ein 52-jähriger Familienvater gab auf der Berliner Fanmeile zu, er habe beim Anstehen an den Sicherheitskontrollen schon ein mulmiges Gefühl gehabt. Beim Abtasten durch die Wachleute werde einem nochmal bewusst, dass es gar nicht so selbstverständlich sei, so zu feiern, sagte er. „Aber wenn man das hinter sich hat, dann ist alles gut.“
Für die Fanmeilen in Berlin, München oder Nürnberg eine Katastrophe
Zwar verfolgten Tausende Fans am vergangenen Dienstag (21. Juni 2016) das Weiterkommspiel der deutschen Nationalelf gegen Nordirland fahneschwenkend vor dem Riesenbildschirm am Brandenburger Tor. Aber schon ab dem zweiten Videoschirm bot die Straße des 17. Juni in der Nähe des Reichstags in Berlin während der Deutschland-Spiele viel Platz. Fangruppen saßen auf dem Boden und verfolgten das Spiel. Der größte Teil der 1.100 Meter langen Fanmeile war fast leer.
Die Stimmung in vielen Bierbuden und Bratwurstständen näherte sich während der ersten Spiele dem Tiefpunkt, kaum etwas wurde verkauft. Zwar sprachen die Veranstalter von 100.000 Besuchern über den gesamten Dienstag, realistische Schätzungen gehen aber eher von 10.000 bis 15.000 Fans während des Spiels aus.
Händler machen bislang nur Verluste in Berlin
Auf der Berliner Fanmeile schien meist die Sonne. Ein Händler, der einen Getränke- und einen Grillstand betreibt, investierte nach eigenen Angaben 30.000 Euro. Bislang mache er nur Verluste, sagte er beim dritten Deutschland-Spiel gegen Nordirland. Einer seiner Verkäufer meinte: „Wir müssten 1.500 Euro Umsatz am Tag machen, um unseren Einsatz wieder reinzuholen. Heute haben wir bislang 70 Euro an Getränken umgesetzt.“
Zwei junge Männer stehen hinter ihrem Getränkestand und sagen sarkastisch: „Wir zahlen viel Geld fürs Fußballgucken.“ Der Stand ist verwaist, die Lage sei „gruselig“. Ein Handbrot-Verkäufer an der hintersten Leinwand nennt seinen Umsatz eine „Katastrophe“. Bis zum Anpfiff am Dienstagabend verkaufte er nur zwölf Portionen.
Auch im Olympiapark München großer Schwund
Alice Kilger von der Pressestelle des Olympiaparks in München beobachtet seit Jahren weniger Zuschauer. „Das Interesse geht zurück“, sagte sie der dpa.
Bei der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land war der Ansturm noch enorm. Bis zu einer Million Besucher kamen insgesamt bei allen Spielen. Zur EM 2008 waren es bei nur drei Spielen im Schnitt 29.000 Besucher. 2010 zur WM kamen 24.000 Menschen pro Spiel, 2012 und 2014 verfolgten nur noch 16.000 Fans die Deutschland-Spiele. Für dieses Jahr sei es für eine erste Bilanz noch zu früh.
Früher fünfmal so viele Besucher in Nürnberg
Beim Public Viewing am Nürnberger Flughafen ließen sich bislang jeweils 2.500 bis 3.000 Menschen blicken, in der Vergangenheit waren es auch in der Vorrunde 15.000 bis 20.000. Veranstalter Christopher Dietz sagte der dpa: „Wir hatten zweimal Mega-Landunter und wettertechnisch eigentlich noch nie die Voraussetzungen für ein vernünftiges Public Viewing.“ Er hofft nun auf die K.o.-Runde und Sonnenschein.


