Reportage
ZDF-Kritik an Putin mit einem gekauften Kronzeugen?

Eine ZDF-zeit-Reportage mit dem Titel „Machtmensch Putin“, die am 15. Dezember 2015 im Zweiten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, ging nach hinten los, da das ZDF auf Propagandamaterial eines russischen Produzenten namens Waleri Bobkow hereingefallen war, der einen Kronzeugen für umgerechnet 900 Euro gekauft und Szenen teilweise inszeniert haben soll.
Im ZDF verlässt Igor Frau und Kind, um in der Ostukraine als Freiwilliger für die Separatisten zu kämpfen – doch in Wahrheit hat Igor gar keine Frau und kein Kind.
Das russische Staatsfernsehen spricht von „einem wunderbaren Beispiel für schlechte Informationskriegsführung“.

Das ZDF behauptet, es habe das mutmasslich gestellte Filmmaterial von Walerie Bobkow übernommen und betrachte ihn als vertrauenswürdig.
Bobkow selbst nimmt öffentlich keine Stellung zu den Vorwürfen und hat sich auf Anraten seines Anwalts auch geweigert, gegenüber dem ZDF eine eidesstattliche Erklärung zu unterschreiben.
Die Neue Zürcher Zeitung, die in dem Fall unstrittig als unparteiisch gelten darf, schreibt: „Eine unabhängige Recherche bestätigt einen Teil der Vorwürfe.“
Produzent Walerie Bobkow sei laut Ivo Mijnssen von der Neuen Zürcher Zeitung „in Journalistenkreisen als Mann mit guten Kontakten zur Armee bekannt, hat aber bei einigen auch einen zweifelhaften Ruf, weil er in der Vergangenheit schon Geschichten ‚aufgepeppt‘ hat.“
Die Neue Zürcher Zeitung kommt zu dem Schluss: „Es erscheint unerklärlich, weshalb das Team des deutschen Senders, dem der ehemalige Russlandkorrespondent Dietmar Schumann vorstand, derart unkritisch Material von Bobkow übernahm. Der Verdacht drängt sich auf, dass man nicht so genau hinschaute, da der junge Mann gut als Illustration für die übergeordnete Erzählung taugte. Allerdings wäre genau dies bei einem derart heiklen Thema die Aufgabe von Qualitätsmedien – gerade auch deshalb, um sich von der billigen Propaganda des russischen Staatsapparats abzusetzen, statt diesem zusätzliches Futter zu liefern.“
Im ZDF-Dokumentarfilm wir gezeigt, wie ein 27 Jahre alter „Igor“ aus Kaliningrad Frau und Kind verlässt, um für Putin als Freiwilliger in die Ostukraine in den Krieg zu ziehen, um dort die Separatisten zu unterstützen. Seine Geschichte dient der Illustration der ZDF-These, der russische Herrscher Wladimir Putin sei nur an Macht und imperialer Grösse interessiert. Dafür sei ihm fast jedes Mittel recht.
Naheliegenderweise illustriert die Dokumentation diese Zuspitzung mit der unbestrittenen russischen Aggressionspolitik in der Ostukraine. Der Film porträtiert Igor, wie er im Donbass mit einem Gewehr patrouilliert und Autos kontrolliert, dazu werden Kampfszenen und Explosionen gezeigt – mit dramatischer Musik.
Fünf Tage später nimmt das russische Staatsfernsehener das ZDF ins Kreuzfeuer: Bei dem Freiwilligen Igor in der ZDF-Sendung handelt es sich um den 27jährigen Juri Labyskin. Dieser führt in der Sendung des russischen Staatsfernsehens Aufnahmen der Dreharbeiten vor, in denen der russische Produzent für das ZDF, Waleri Bobkow, dem jungen Mann Instruktionen gibt. Die beiden üben den Text, den Labyskin aufsagen soll, und Bobkow instruiert ihn im Gebrauch des Gewehrs. Auch eine Szene des Dokumentarfilms, die Labyskin dabei zeigt, wie er seine Frau und sein Kind verlässt, um in den Krieg zu ziehen, sei gestellt worden, erklärt Labyskin. Der 27-jährige Arbeitslose ist alleinstehend.
Das ZDF bestreitet die Manipulationsvorwürfe. Und veröffentlichte dazu folgende Erklärung: „Das russische Staatsfernsehen RT behauptet, dass das Interview in der ZDFzeit-Dokumentation ‚Machtmensch Putin‘ mit einem russischen Freiwilligen vorher geprobt und in seinem Verlauf abgesprochen sei. Er hat im Gegenteil aus freien Stücken und ausführlich erklärt, wie und warum er in die Ostukraine ging. Der russische Freiwillige hat im Interview, das im ZDF-Studio Moskau geführt wurde, den Sachverhalt genauso dargestellt, wie das ZDF es gesendet hat. Gerne stellen wir nun das Rohmaterial des Interviews zur Verfügung, damit das deutlich wird.“
Unsaubere Arbeit des ZDF deckt der Journalist auf.
Mehr Licht in die Angelegenheit bringt schliesslich ein Anfang Februar 2016 erschienener Artikel der beiden Journalisten Moritz Gathmann und Maxim Kireev im deutschen Medienmagazin „Journalist“. Die beiden sprechen mit Labyskin und finden heraus, dass er vom russischen Geheimdienst unter Druck gesetzt wurde. Vor diesem Hintergrund müssen seine Aussagen im russischen Staatsfernsehen bezweifelt werden.
Die beiden Journalisten bestätigen aber auch, dass viele der Behauptungen des ZDF nicht haltbar sind.
Einerseits handelt es sich dabei um handwerkliche Fehler: So erklärt die Off-Stimme im Dokumentarfilm, auf einem Bild seien russische Freiwillige zu sehen. An den Uniformen prangen aber deutlich ukrainische Flaggen.
Zudem wird Labyskin gezeigt, wie er in ein Rekrutierungszentrum für Freiwillige in Kaliningrad eintritt, obwohl es solche „nach den Aussagen der russischen Behörden gar nicht gibt“. Allerdings handelt es sich um ein reguläres Aushebungszentrum der Armee.
Auch die „Frau“ von Labyskin finden die Journalisten – im Donbass. Sie will ihn erst während der Dreharbeiten kennengelernt haben, was das Rohmaterial, das Labyskin den Journalisten zeigt, zu bestätigen scheint.
Die Neue Zürcher Zeitung urteilt: „Ob Juri Labyskin wirklich im Donbass gekämpft hat, können die Journalisten jedoch nicht beantworten. Es ist auch nicht entscheidend, da es ausser Zweifel steht, dass dort zahlreiche russische ‚Freiwillige‘ kämpften und kämpfen und dass die russische Armeeführung diese unterstützt. Wichtiger ist die Frage, wie es möglich war, dass das ZDF derart unkritisch eine zumindest teilweise fabrizierte Geschichte übernahm.“


