Reportage
In Wedding: Die Zentrale der Bettelclans

Berlin leidet täglich unter 4.000 Bettlern, die vor allem am Alex, Ku’damm oder Checkpoint Charlie meist auf Pappen sitzend ihre Becher den Touristen entgegenstrecken. Oft wird für einen Verein gesammelt, der Taubstumme unterstützt, den es aber gar nicht gibt. Manchmal wird um eine Unterschrift zur Unterstützung des Vereins gebeten. Lässt man sich darauf ein, fehlt hinterher das Handy oder Portemonnaie.
Ein Großteil sind Roma. Frauen mit Kindern oder Frauen allein. Doch wo kommen sie her? Wo sind sie in Berlin untergebracht. Wer schickt sie jeden Tag auf die Straße zum Betteln?
Im Sommer vorigen Jahres ließ der Eigentümer das wegen vieler Polizeieinsätze sogenannte Horrorhaus in der Grunewaldstraße 87 in Schöneberg von 200 Roma räumen. Drei Jahre zuvor wurde die Turmstraße 64 in Wedding von 40 Roma geräumt. Die Großamilie zog daraufhin zum Leopoldplatz in Wedding.
Ist dort die Zentrale der Bettelclans? Nein. Aber ganz in der Nähe.
Der Berliner Kurier hat von einem Mieter einen Tipp bekommen und die Bettelfrauen beobachtet. Die Spur zu den Bettelcans führt zu vier großen Mietshäusern, die in einer Seitenstraße in U-Bahnnähe in Wedding nebeneinander stehen.
Vor der Tür parken ein paar wenige Nobelkarossen, darunter ein weißes Mercedes-Coupe und ein schwarzer Audigeländewagen Q5.
Der Informant berichtete dem KURIER vorab, dass jeden Morgen gegen 9 Uhr Bewegung in die Häuser komme. Die Reporter legten sich auf die Lauer. Lange mussten sie nicht warten: „Innerhalb einer halben Stunde kamen aus den Aufgängen mehrere Dutzend Frauen und Kinder. Ihr erster Anlaufpunkt: Ein Gespräch mit den Männern, die auf der Straße vor ihren abgedunkelten Transportern warteten.
Sind sie die Schlepper? Das Prozedere der Bettelmafia ist immer gleich. In Vans bringen Männer ganze Familien, alle verarmt, meist Sinti und Roma, nach Berlin. Hier müssen diese erst einmal das Geld für Fahrt- und Organisationskosten erstatten. Die weiblichen Familienmitglieder gehen betteln, die Männer werden zu Straftaten gezwungen, zu Trickbetrug, Handtaschenraub oder Einbruch.“
Das Bettelwerkzeug – Pappbecher und Pappkartons zum Draufsetzen – besorgen sich die Frauen aus einem Späti im Erdgeschoss einer der Häuser und einem nahegelgenen Supermarkt. An den Touristen-Hot-Spots wie Checkpoint Charlie liegen an Verstecken in der Nähe von Mülltonnen Zettel bereit. Auf denen steht: „Ich bin taubstumm.“
Nahezu alle Bewohner stammen aus Bulgarien und Rumänien.
Seit dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens zur EU im Jahr 2007 zählte das Statistische Bundesamt bis 2013 mehr als 190.000 Einwanderer, aus diesen Ländern nach Deutschland, die hier ein besseres Leben suchen. Neuere Zahlen liegen nicht vor. Meist sind die Zuwanderer Roma, denen in den Balkanländern teilweise systematisch der Zugang zu Wohnraum, Schulbildung und Krankenversorgung verwehrt wird.
Doch auch in Berlin wohnen hunderte Roma unter katastrophalen Bedingungen – in heruntergekommenen Mietshäusern, Elendsquartieren oder auf der Straße. Der Senat und die Bezirke sind auf diese Zuwanderergruppe nur unzureichend vorbereitet.
Wie das Mieterecho mit Sitz in Kreuzberg schreibt, sind Romafamilien auf Angebote von unseriösen Vermietern angewiesen, die Miet- oder Untermietverträge zu weit überhöhten Preisen abschließen. Die Roma-Selbstorganisation Amaro Drom berichtet von Fällen, in denen zwei Familien mit insgesamt zwölf Personen auf 65 Quadratmetern wohnen. Mittlerweile gibt es nach Erkenntnissen von Senat und Bezirken 35 überbelegte Mietobjekte in Mitte (wozu auch Wedding gehört), 30 in Neukölln, vier in Lichtenberg und zwei in Reinickendorf.
Weil die Roma auf dem Berliner Arbeitsmarkt kaum Chancen haben, müssen sie, um die horrenden Mietkosten bezahlen zu können, für osteuropäische Mafiabosse betteln gehen.
Es ist für die Frauen ein 11-Stunden-Arbeitstag, der um 9 Uhr beginnt und um 20 Uhr endet. Für die Bosse ist es ein einträgliches Geschäft. Pro Tag erbettelt ein Familien-Clan (bis zu 60 Mitglieder) im Durschnitt 3.000 Euro.
Berlin hat letztes Jahr zumindest das Betteln mit Kindern verboten. Erwischte Mütter oder Väter müssen ein Bußgeld von 500 Euro bezahlen. Können sie nicht zahlen, müssen sie ersatzweise in Haft.
Ausdrücklich ausgenommen von dem Verbot sind dabei Spendenaktionen, wie beispielsweise die Sternsinger, zur Aufbesserung von Klassenkassen oder Halloween. In Deutschland ist Betteln seit 1974 legal.


