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Reportage

Betrug am Gesundheitsfonds: Wie Kassen und Ärzte heimlich Krankheiten pushen

Von Thomas Breithaupt · · 3 Min. Lesezeit

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Dr. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse aus Hamburg, erläutert das Vorgehen der Kassen bei Ärtzen: "Hier hast du Frau Müller aufgeschrieben. Die hat eine depressive Verstimmung. Unter uns: Hat die nicht vielleicht doch eine Depression?" Dann fließt mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu Lastern aller und mit langfristig höheren Beiträgen für die Versicherten (Foto: Youtube)
Dr. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse aus Hamburg, erläutert das Vorgehen der Kassen bei Ärtzen: "Hier hast du Frau Müller aufgeschrieben. Die hat eine depressive Verstimmung. Unter uns: Hat die nicht vielleicht doch eine Depression?" Dann fließt mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu Lastern aller und mit langfristig höheren Beiträgen für die Versicherten (Foto: Youtube)
Dr. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse aus Hamburg, erläutert das Vorgehen der Kassen bei Ärtzen: "Hier hast du Frau Müller aufgeschrieben. Die hat eine depressive Verstimmung. Unter uns: Hat die nicht vielleicht doch eine Depression?" Dann fließt mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu Lastern aller und mit langfristig höheren Beiträgen für die Versicherten (Foto: Youtube)
Dr. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse aus Hamburg, erläutert das Vorgehen der Kassen bei Ärzten: „Hier hast du Frau Müller aufgeschrieben. Die hat eine depressive Verstimmung. Unter uns: Hat die nicht vielleicht doch eine Depression?“ Dann fließt mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu Lasten aller und mit langfristig höheren Beiträgen für die Versicherten (Foto: Youtube)

So läuft es im Allgemeinen: Ein Patient sitzt mit Beschwerden beim Arzt. Der nimmt ihn gründlich unter die Lupe, erläutert den Befund. Doch der Patient hat Null Durchblick. Komplizierte Fachausdrücke. Ein undurchsichtiger Diagnoseschlüssel auf dem Krankenschein. Und was der Herr Doktor bei der Krankenkasse abrechnet, weiß der Patient schon gar nicht. Die meisten Ärzte arbeiten sicherlich gewissenhaft und wollen nur das Beste. Aber, was der Chef der Techniker Krankenkasse Dr. Jens Baas jetzt zugegeben hat, ist ein echter Skandal:

Viele Ärzte würden auf Wunsch der Kassen an  der Diagnoseschraube drehen, damit die mehr Geld kassieren kann.

Was der Patient beim Arzt nicht ahnt: Manche Mediziner fügen nach der Behandlung auf dem Papier weitere Diagnosen hinzu. Und die Krankenkasse holt sich für Mehrfachdiagnosen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds. Auch die Techniker Krankenkasse aus Hamburg verdient an solchen Zusätzen. Ihr Chef berichtete jetzt als Erster über die versteckte Praxis. Und immer mehr Krankenkassen helfen offenbar nach, damit Ärzte ihre Patienten kränker abrechnen, als sie sind.

Dr. Jens Baas bestätigt gegenüber den ARD-Tagesthemen: Es gebe „Krankenkassen, die in der Tat mit Mitarbeitern zum Arzt gehen. Die Listen durchgehen und sagen: ‚Hier hast du Frau Müller aufgeschrieben. Die hat eine depressive Verstimmung. Unter uns: Hat die nicht vielleicht doch eine Depression?‘ Und so werden Listen durchgegangen. Dass heißt: Es wird versucht, immer die etwas schwerere Krankheit zu machen.“

Solche Abrechnungen sind offiziell bei 80 schweren Krankheiten möglich. Hier darf ein Ausgleich zusätzlich abgerechnet werden. Solche Krankheiten und auch Mehrfachdiagnosen rechnen sich. Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom am Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen: „Es kommt zu einer Häufung an Diagnosen, die für die Krankenkassen auch den Geldfluss in Gang setzen aus dem Gesundheitsfonds. Und insofern haben die Krankenkassen etwas davon. Je mehr Diagnosen erstellt werden, desto mehr Geld fließt.“ Zwar wird nicht falsch behandelt. Aber Diagnosen werden addiert oder hochgeschrieben. Dann fließt Geld im Risikostrukturausgleich.

Dabei gehen Krankenkassen inzwischen immer dreister vor. Beim Umcodieren von Diagnosen, wie es in der Branche heißt. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer: „Wir bekommen sehr viele, auch verstörte Anrufe von Kolleginnen und Kollegen, die sich darüber beklagen, dass die Krankenkassen mit allen Methoden, mit Callcentern, mit Drückerkolonnen versuchen, Ärzte zum Upcoding zu bewegen.“

Am Manipulieren von Diagnosen beteiligen sich offenbar fast alle großen Krankenkassen und schaden damit dem gesamten System. Dr. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse: „Alle Krankenkassen bemühen sich heute, schwere Diagnosen zu bekommen. Allein das ist ein Skankdal, kostet eine Milliarde Euro, die eben nicht der Versorgung zur Verfügung steht.“ Doch es gibt Widerspruch. Die AOK reagierte prompt und warf der Techniker Krankenkasse gestern vor, aus eigenem Interesse das ganze Abrechnungssystem zu diskreditieren. Inzwischen ist auch das Bundesversicherungsamt alarmiert. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz aus Dortmund will sogar klagen. Für Versicherte drohen langfristig Kosten. Gesundheitsökonom Gerd Glaeske: „Es sind Fehler bereits im System, die ganz eindeutig auch dazu führen können, dass die Beiträge steigen würden.“ Geldverdienen mit Mehrfachdiagnosen und dramatisierten Krankheitsbewertungen. Der Streit über ein transparentes Abrechnungssystem unter den Krankenkassen hat gerade erst begonnen.

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