Reportage
Rückenschmerzen bei Kindern auf dem Vormarsch
Vor der Einschulung kommen Rückenschmerzen bei Kindern praktisch nicht vor. Doch Teenager leiden heute schon fast genau so stark wie Erwachsene. Der Gang zum Arzt macht die Leiden oft nur noch schlimmer.

Unter Erwachsenen ist bekannt, dass Rückenschmerzen die Volkskrankheit Nummer eins sind. Etwa jeder fünfte Erwachsene lebt mit Rückenschmerzen. Bei Kindern und Jugendlichen hingegen wird das Leiden häufig unterschätzt, obwohl Kreuzschmerzen zunehmend auch Jüngere betreffen.
Vor der Einschulung kommen Rückenschmerzen bei Kindern praktisch nicht vor. Im Alter von sieben Jahren hat jedes hundertste Kind Beschwerden, schreiben Ärzte aus den USA im Fachmagazin JAMA Pediatrics. Mit zehn Jahren sind es sechs Prozent. Im Alter zwischen 14 und 16 Jahren sind dann sogar schon 18 Prozent betroffen.
Der Anstieg der Rückenschmerzen in der Pubertät liegt einerseits daran, dass der noch kleine Mensch plötzlich in die Höhe schießt und die Muskulatur mit dem Knochenwachstum nicht immer mithält. Doch oftmals liegt es auch an zu wenig körperlicher Aktivität oder an Überlastungen durch zu viel Sport.
„Kinder spielen weniger und bewegen sich weniger draußen. Das führt zum Verlust an körperlicher Kompetenz, Fitness, und Körperkontrolle. Die Bewegungsfreude hat nachgelassen“, zitiert die Süddeutsche Zeitung den Orthopäden Marcus Schiltenwolf von der Uniklinik Heidelberg. In der Folge könnten sie schlechter mit Beschwerden umgehen.
Bei Erwachsenen sind Stress, Sorgen und andere seelische Belastungen die Hauptgründe für Beschwerden im Kreuz. Und inzwischen wissen Ärzte, dass psychosoziale Faktoren auch bei Jugendlichen von großer Bedeutung im Hinblick Rückenschmerzen sind. Familiäre oder schulische Probleme schlagen sich oft in Beschwerden nieder.
„Wenn Spannungen zu Hause auftreten, sind Kinder schnell überfordert und entwickeln Symptome“, sagt Marcus Schiltenwolf. In der Folge erfahren sie von Familie und Ärzten Zuwendung. Doch statt die seelischen Ursachen anzugehen, wird der Umgang mit den Rückenschmerzen an Mediziner und Physiotherapeuten abgegeben.
Und Ärzte sind nicht immer eine Hilfe. „Manchmal erkennen sie das systemische Problem nicht und fördern durch angstbesetzte Beratungen und Verbote sowie unsinnige Therapien die Beschwerden noch“, so der Orthopäde. In diesem Fall trägt die Medizin zum weiteren Verlust der Körperkompetenz bei, sodass sich die Schmerzen sogar verfestigen.


