Reportage
Asylprotest: Polizei räumte Rathaus von Geldermalsen – Jeder 10. Bürgermeister bedroht

Laut einer Umfrage unter 75 niederländischen Bürgermeistern wurde jeder zehnte aufgrund seiner Position in der Flüchtlingsdebatte bedroht.
Jüngstes Beispiel Miranda de Vries (45). Die Bürgermeisterin von Geldermalsen, einem Dorf von 11.000 Menschen, das zur einem Gemeindeverbund mit 26.000 Einwohnern gehört, musste Mittwochabend unter Polizeischutz durch den Hinterausgang des Rathauses vor wütenden Demonstranten in Sicherheit gebracht werden. Das ganze Rathaus wurde evakuiert.
Vor dem Rathaus waren nach Angaben des Algemeen Dagblad 2.000 Menschen aufmarschiert, drinnen sollte über ein neues Asylheim im Ort abestimmt werden.
Erst am Freitag zuvor war bekannt geworden, dass in Geldermalsen das mit 1.500 Plätzen zweitgrößte Asylbewerberheim der Niederlande entstehen soll. Umfang und kurzfristiger Beschluss sorgen seither vor Ort für Unmut. Am Montag tauchten in Geldermalsen 50 Spruchbänder mit Protestparolen auf.
Laut zuständiger Staatsanwaltschaft habe die Bürgermeisterin schon vor der Abstimmung eine Todesdrohung erhalten.
Die Abstimmungssitzung musste am Mittwoch kurz nach Beginn abgebrochen werden. Das Rathaus wurde von der Polizei geräumt. Der aufgebrachte Mob hatte den Bauzaun, der als Absperrung vor dem Rathaus aufgestellt worden war, durchbrochen. Die Demonstranten warfen mit Feuerwerkskörpern, Büchsen und Steinen. Die Polizei hielt die Menschen nur auf, indem sie Warnschüsse in die Luft abfeuerte. Danach gingen noch einige Fenster zu Bruch. Mithilfe von zusätzlichen Spezialeinheiten bekam die Polizei die Lage gegen 23 Uhr wieder unter Kontrolle.
„Es war wie Krieg in Geldermalsen”, zitierte am Donnerstag das konservative Nachrichtenmagazin Elsevier einen Anwohner aus Geldermalsen.
Die Bilanz der Bürgerdemo: 14 Festnahmen, zwei leichtverletzte Polizisten, eine bedrohte Bürgermeisterin und der Ruf als neues Bollwerk fremdenfeindlicher Randale.
Bei den Festgenommenen handelte es sich ausschließlich um Einwohner Geldermalsens. Das widerlegte die Annahme, bei den Randalierern handle es sich um Hooligans von außerhalb. „Das heißt, dass es aus dem Ort selbst kommt, während ich eigentlich gedacht und gehofft hatte, das Geldermalsen eine vitale und gute Gemeinde ist, wo auch der Fremde einen Platz einnehmen kann“, erklärte der Ortspfarrer Gerard Krol gegenüber Omroep Gelderland.
Die Gemeinde erklärte auf ihrer Website, man sei über die Vorfälle „sehr erschrocken“.

„Wir stellen uns jetzt die Frage, was in den Niederlanden los ist, dass eine politische Diskussion zu dieser Aggression führt“, heißt es in der Pressemitteilung der Gemeinde Geldermalsen zu den eskalierten Protesten weiter. „Ich bin über diese Ereignisse erschrocken und kann mir vorstellen, dass unsere Einwohner das ebenfalls sind. Ich finde es schrecklich, dass Aggression und Gewalt den demokratischen Prozess gestern Abend aufgehalten haben“, so die Bürgermeisterin der Ortschaft Miranda de Vries (PvdA).
Auch in Den Haag reagierten die Politiker auf die Vorfälle. Innenminister Ronald Plasterk (PvdA) verurteilte die Ausschreitungen als „abscheulich“. Der für Asylfragen zuständige Staatssekretär Klaas Dijkhoff (VVD) nannte die Vorfälle gegenüber Omroep Gelderland „unerhört“. „Die Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten für Asylbewerber ist schwierig. Doch es gibt eine Grenze. Wenn man seine Meinung äußern möchte, ist dafür genug Raum. Das macht man nicht, indem man Feuerwerk wirft.“ Von einer Verhärtung der Fronten in der gesellschaftlichen Debatte um die Flüchtlinge wollte Dijkhoff jedoch nicht sprechen.
Laut taz wird in den letzten Wochen in den Niederlanden die Forderung lauter, dass die Unterbringung von Flüchtlingen lokal in kleinerem Rahmen stattfinden solle.
Seit Oktober diesen Jahres werden die Proteste gegen die Flüchtlingsaufnahme zunehmend aggressiv. In Woerden bei Utrecht griffen Vermummte spätabends eine Notunterkunft mit Rauchbomben an. Es war der erste Vorfall dieser Art in den Niederlanden.
In Steenbergen wurden Befürworter eines Asylbewerberheims bedroht, in der Nähe von Alkmaar gingen vor einer Gemeinderatssitzung zum Thema zwei Autos eines linksgrünen Lokalpolitikers in Flammen auf. Mit der Eskalation von Geldermalsen haben die Proteste nicht nur wegen der Warnschüsse eine neue Dimension erreicht.


