Reportage
Prof. Sinn: „Rentenalter heraufsetzen, um die Flüchtlinge zu ernähren“

Aus Sicht des Nationalökonomen und Finanzwissenschaftlers Hans-Werner Sinn (68), von 1999 bis 2016 Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V., kurz Ifo, müssen die Deutschen länger arbeiten, um die Kosten der Integration der Flüchtlinge stemmen zu können. Professor Sinn gilt nach Ernst Fehr von der Uni Zürich als zweiteinflussreichster Ökonom in Deutschland, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 4. September 2016 veröffentlichte. Professor Sinn sagte der ZEIT: „Wir sollten lieber das Rentenalter heraufsetzen, um die Flüchtlinge zu ernähren. Die Alten werden im Übrigen gebraucht, um die Flüchtlinge anzulernen.“ Wegen ihrer überwiegend niedrigen Qualifikation würden die Migranten die Rentenkassen vorerst nicht ausreichend entlasten.
Zugleich müsse der Mindestlohn wieder abgeschafft werden, um die Flüchtlinge in Jobs zu bringen
Hans-Werner Sinn fordert auch, den Mindestlohn abzuschaffen, weil nur so genug Jobs für die Flüchtlinge entstünden. Die Asylbewerber verfügten seiner Ansicht nach zu einem großen Teil nur über eine niedrige Qualifikation. Aber würde dann die Stimmung innerhalb der Gesellschaft nicht endgültig kippen?
Sinn: „Mehr Geschäftsmodelle für Geringqualifizierte werden erst dann rentabel, wenn der Lohn für einfache Arbeit fällt.“ Sinn weiter: „Wenn die Zuwandernden keine Stellen kriegen, werden sie nicht integriert, und dann werden wir erhebliche Spannungen in der Gesellschaft bekommen. Dann kippt die Stimmung erst recht.“
Nach den Worten von Ökonom Hans-Werner Sinn ist die Flüchtlingskrise nur mithilfe von radikalen Sozialreformen in Deutschland zu bewältigen. „Wir sollten den Flüchtlingsstrom zum Anlass für eine neue Agenda 2010 nehmen“, sagt Sinn gegenüber der ZEIT.
Nach Einschätzung von Sinn wird durch die Zuwanderung Druck auf die Löhne in Deutschland ausgeübt, wodurch die sozialen Unterschiede zunähmen. „Wenn Geringqualifizierte zuwandern, wird die Einkommensverteilung ungleicher. Das ist immer so. Und es wird immer teurer, das durch den Sozialstaat auszugleichen. Insofern drohen uns amerikanische Verhältnisse.“
Sinn spricht sich deshalb dafür aus, die Zuwanderung zu begrenzen. Die Staaten Europas müssten „die gemeinsame Außengrenze sichern – und wenn das nicht passiert, eben doch die eigenen Grenzen. Eine Welt ohne Grenzen, in der sich jeder nimmt, was er gern hätte, kann nicht funktionieren. Das ist eine Wildwestgesellschaft mit allem, was dazugehört.“


