Reportage
Flüchtlingslager Idomeni: Aufstände, Zwangsprostitution und Drogen

In der Nacht zu gestern kam es im provisorischen Flüchtlingslager Idomeni an der nordgriechischen Grenze zu gewalttätigen Ausschreitungen mit der Polizei. 300 Flüchtlinge und Migranten versuchten, die Grenze nach Mazedonien gewaltsam mit Hilfe eines ausrangierten Eisenbahnwaggons einzureißen, den sie als Rammbock nutzen wollten. Die Polizisten trieben die Flüchtlinge mit Tränengas und Blendgranaten zurück. Die Flüchtlinge warfen Steine. Einige der Randalierer legten Feuer. Zahlreiche Zelte in dem Flüchtlingslager gingen in Flammen auf. Vier Demonstranten und zwei Polizisten wurden leicht verletzt und in Krankenhäusern behandelt.
Knapp 10.000 Menschen harren seit Monaten in Idomeni aus, darunter viele Frauen und Kinder.
Und auch von Strukturen organisierter Kriminalität ist mittlerweile die Rede, schreibt die BILD.
Wie griechische Medien berichteten, soll ein Eisenbahnwaggon zu einem Bordell umfunktioniert worden sein. Die griechische Zeitung Eleftheros Typos schreibt von Zwangsprostitution. Die Zuhälter sollen fünf bis zehn Euros kassieren, die Frauen bekommen fast nichts. Aus Nordafrika stammende Dealer verkauften Drogen, auch Schleuser seien vor Ort. Marokkanische und tunesische Banden würden Drogen verkaufen und Afghanen und Pakistaner laut Eleftheros Typos an Menschenschmuggel beteiligt sein.
Die griechische Polizei sei im Inneren des Lagers nicht präsent, habe jedoch den Bereich um die Zeltstadt herum weiträumig abgesperrt. Medien schreiben bereits vom „Ghetto Idomeni“. Im Innern boomt der Schwarzmarkt. Keiner kontrolliert. Banden haben das Sagen.
Das Flüchtlingslager soll bis Anfang Juni 2016 aufgelöst werden. Das kündigte Giorgos Kyritsis, Sprecher des Stabes für die Flüchtlingskrise, anm gestrigen Donnerstag im Gespräch mit der griechischen Nachrichtenagentur ANA an.
In Nordgriechenland würden derzeit weitere staatliche Flüchtlingslager fertiggestellt, um die Flüchtlinge aus Idomeni aufzunehmen, sagte Kyritsis. Es sei nur noch eine Frage von Wochen, bis sich das improvisierte Lager an der Grenze zu Mazedonien leeren werde.
Doch die Flüchtlinge wollen keine Umsiedlung, sie wollen weiter nach Deutschland
Sie hoffen darauf, dass Mazedonien die Grenze doch noch öffnet und somit ihre Weiterreise nach Mitteleuropa ermöglicht. Deshalb lehnen sie auch die Umsiedlung in staatliche Flüchtlingslager ab – aus Angst, eine mögliche Grenzöffnung zu verpassen.
Die Hoffnung ist nicht ganz unbegründet. Flüchtlinge in Idomeni finden immer wieder Wege über die Grenze. Nach eigenen Angaben hat das Nachbarland Mazedonien in den vergangenen zwei Monaten rund 12.000 illegal eingereiste Menschen zurück nach Griechenland geschickt. In Athen hieß es dazu, in Nordgriechenland seien Schleuser aktiv, die immer wieder Migranten in kleineren Gruppen über die Grenze ins Nachbarland brächten.
Flüchtlinge fliehen von den griechischen Inseln
Angesichts der drohenden Abschiebung aus Griechenland versuchen andere Migranten von den Ostägäis-Inseln Chios und Lesbos illegal auf das Festland zu fliehen. Eigentlich sollen sie aufgrund des Flüchtlingspakts zwischen der EU und Ankara in die Türkei zurückgeschickt werden. Vor allem Afghanen, Pakistaner und Nordafrikaner, die allesamt kaum Aussicht auf Asyl in Europa haben, setzen alles daran, zum Festland zu gelangen, um von dort ihren Weg nach Nordeuropa, in erster Linie nach Deutschland, fortzusetzen.
In den vergangenen Tagen hat die griechische Polizei auf den Inseln deshalb Dutzende Menschen festgenommen. Sie hätten sich unter anderem in Lastwagen versteckt, um unerkannt an Bord von Fähren nach Athen zu gelangen, berichteten griechische Medien. „Einige klettern sogar die Ankerketten zu den Fähren hoch“, sagte ein Offizier der Küstenwache am Dienstag der dpa.
So setzten von Mittwoch auf Donnerstag nach Angaben des griechischen Stabs für die Flüchtlingskrise lediglich 100 Menschen illegal von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln über, meldete die Nachrichtenagentur dpa.
Der griechische Migrationsminister Ioannis Mouzalas kritisierte derweil das UN-Kinderhilfswerk Unicef, dessen griechischer Ableger in den Flüchtlingslagern vor Ort gar nicht aktiv sei. Das wäre völlig unverständlich, schrieb Mouzalas nach Informationen des Fernsehsenders Skai an die Organisation, denn bis zu 40 Prozent der Flüchtlinge und Migranten in Griechenland seien Kinder.


