Ließ sich die KPMG AG von der BWF-Falschgoldstiftung täuschen?

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Detlef Braumann (60), Erster Vorstand der Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung (BWF-Stitung) zeigte gern das vermeintlich echte Gold im BWF-Safe einer ehemaligen Bank in der Chausseestraße 10 in Mitte, bevor es zum Tresor in den Königsweg 5 nach Zehlendorf verlegt wurde. (Foto von 2013: Finanznachrichtendienst GoMoPa.net)

Detlef Braumann (60), Erster Vorstand der Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung (BWF-Stitung), zeigte gern das vermeintlich echte Gold im BWF-Safe einer ehemaligen Bank in der Chausseestraße 10 in Mitte, bevor es zum Tresor in den Königsweg 5 nach Zehlendorf verlegt wurde. (Foto von 2013: Finanznachrichtendienst GoMoPa.net)

Für 500 Versicherungsmakler, die in ganz Deutschland von der Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung (BWF) 2011 zu Goldverkäufern umgeschult wurden, brach eine Glaubenswelt zusammen, als sich bei einer Razzia am 25. Februar 2015 im Königsweg 5 in Berlin Zehlendorf herausstellte, dass 95 Prozent der dort in einem unterirdischen Tresor eingelagerten Goldbarren nur hohle Attrappen waren. Laut des Berliner Staatsanwaltssprechers Martin Steltner nur „mit Gold ummanteltes Kupfer“.

 

Geschädigt sind rund 6.000 Anleger, die von 2009 bis 2015 rund 54 Millionen Euro nach Berlin überwiesen haben und die sich nun um 1 Million Euro Bargeld und 324 Kilogramm echtes Gold im Marktwert von rund 11 Millionen Euro als Gläubiger der inzwischen insolventen BWF-Stiftung aus der Chausseestraße 10 in Mitte und ihres Einkäufers und Lageristen TMS Dienstleistungs GmbH aus dem Köngisweg 5 in Zehlendorf streiten dürfen.

Die meisten von ihnen waren von ihren Beratern überredet worden, ihre sicheren Lebensversicherungspolicen zu kündigen und bei der BWF-Stiftung Gold zu kaufen. Fragen nach evenutellen Haken räumten die Berater damit aus, dass sie selbst Gold bei der BWF gekauft haben und im übrigen sogar der Franz Beckenbauer, 70, Ehrenpräsident des FC Bayern München, wie sich ein Ehepaar aus dem Landkreis Tirschenreuth in der bayerischen Oberpfalz erinnert, das gerade seinen Berater wegen der Fehlinvestition von 31.000 Euro im Jahr 2013 verklagt.

Per Post kamen schöne Urkunden über den Besitz von Gold, das in Berlin eingelagert sei. „Wir könnten es sogar anschauen“, sagte der Ehemann. Zudem wurde nach einer Laufzeit von 2 bis 4 Jahren der Rückkauf für 130 Prozent der Einzahlung garantiert.

Das klang beinahe utopisch. Aber die letzten Zweifel räumte die BWF-Stiftung mit einem Stresstest und einem Prüfbericht der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft DE mit Sitz in der Klingelhöferstraße 18 in Berlin Tiergarten.

Selbst einen Tag nach der Razzia an der Goldlagerstätte im Königsweg 5 in Zehlendorf und am BWF-Stifungssitz in der Chausseestraße 10 in Mitte gab sich ein verantwortlicher Goldhändler der BWF-Stiftung gegenüber dem Finanznachrichtendienst GoMoPa.net noch unschuldig und berief sich auf die Wirtschaftsprüfer der KPMG AG:  „Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG aus Berlin hat uns im Oktober 2014 bei einem Stresstest einer Prüfung unterzogen. Dabei kam heraus: Wir können unser Goldrückkaufsversprechen schon jetzt bis einschließlich 2022 garantieren.“

Außerdem konnten sich ab Mitte Dezember 2014 alle Vermittler eine vertrauliches Gutachten kaufen, dass der Vorstand der Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung bei der KPMG AG in Auftrag gegeben hatte.

In dem KPMG-Gutachten vom 4. November 2014 heißt es laut Brancheninformationsdienst DIE BEWERTUNG aus Leipzig: „Die BWF Stiftung hat in der Zeit vom November 2011 bis 23. September 2014 Euro 48,1 Millionen an Kundengeldern angenommen, mit dem Zweck, damit für die Kunden Gold zu erwerben. Entsprechend der Inventur zum Stichtag, welche am 8. November 2014 durchgeführt wurde, befinden sich in den von der BWF genutzten Lagerräumen physisch die Goldmenge, die den Kunden aufgrund ihrer vertraglichen  Einzahlungen laut Vertragsdatenbank – Stand 2. November 2014 – zuzuordnen sind.“

Hinsichtlich der Prüfungsmethode des Goldbestandes der BWF Stiftung gibt die KPMG AG laut Bescheinigung, die dem Vermittler-Magazin procontra in Berlin vorliegt, folgende Methoden an: stichprobenartige Nachzählung der Goldbarren, stichprobenartiges Wiegen der Goldbarren, stichprobenartige Überprüfung der Echtheit der Goldbarren durch Abgleich mit den Zertifikaten des Veräußerers und Abstimmung der Istbestände zum 3. November 2014 mit den Sollbeständen laut Buchhaltung. Die KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft erwähnt ausdrücklich, dass auftragsgemäß kein Säuretest durchgeführt wurde.

Die Bescheinigung der KPMG AG, die für Vermittler gedacht war, suggeriert, dass bei den Goldbeständen hinsichtlich der Echtheit und den Soll-/Istbeständen alles in Ordnung war.

Dieser Eindruck erwies sich sehr schnell als falsch. Schon eine Woche nach der Razzia gab der Berliner Staatsanwaltschaftssprecher, Oberstaatsanwalt Martin Steltner, gegenüber dem Finanznachrichtendienst GoMoPa.net auf Nachfrage bekannt, dass von den beschlagnahmten vier Tonnen BWF-Gold  „nach erster Einschätzung lediglich rund 200 Kilogramm echt“ sind. Das sind nur 5 Prozent der insgesamt beschlagnahmten Metall-Menge. Die Menge erhöhte sich nach genauerer Auswertung auf letztlich 324 Kilogramm.

Im Haupttresor in Zehlendorf habe es viele kleinere Tresore gegeben, die zuhauf mit „goldfarbenen  Gegenständen aus Metall“ vollgepackt waren. Sie waren eingeschweißt und sahen aus wie abgepackte Schokoladentafeln zum Herausbrechen und hatten Gewichtsaufdrucke von 1 Gramm bis 5 Kilogramm. Aber die angeblichen Fünf-Kilo-Barren stellten sich in Wahrheit als nur 2,1 Kilogramm schwer heraus. Unter einer dünnen Goldschicht habe sich billiges Füllmaterial befunden. Angeblich sollen sogar goldfarbene Souvenires dabei gewesen sein, die aussehen wie Goldbarren und die man als Flaschenöffner benutzen kann. Manche Souvenirläden in der Schweiz bieten so etwas an.

Zu diesem Zeitpunkt redeten sich die BWF-Verantwortlichen gegenüber GoMoPa.net noch damit heraus, dass sie wohl einem Goldhändler aus der Schweiz auf den Leim gegangen seien, also selbst nur Opfer eines Falschgoldhändlers seien.

Der Vorsitzende der Verbraucherzentrale Brandenburg, Rechtsanwalt Jochen Resch aus Berlin Charlottenburg, hegte an der Opferrolle Zweifel. „BWF Stiftung: Falschgold aus der Schweiz?“, fragte Resch und antwortete: „Nach den Ermittlungen von GoMoPa sollen rund 800 kg Falschgold von dem Schweizer Nikolaos Papakostas geliefert worden sein. Dieser ist Geschäftsführer der Yamamoto Industries AG in Schloss Heerbrugg in der Schweiz. Laut Website der Yamamoto Industries verarbeitet Yamamoto Gold, Platin, Mangan und Kohle in Lateinamerika und Asien. Es gibt auch Verbindungen zur Berliner BWF Stiftung. Der Goldgroßhändler TMS Dienstleistungs GmbH aus Berlin-Zehlendorf, der zu 100 % der BWF Kapitalholding GmbH gehört, soll Teilhaber der Yamamoto Industries sein.“

 

Die Opferrolle der TMS Dienstleistungs GmbH aus dem Königsweg 5 in Zehlendorf, bei dem die BWF-Stifung das Gold bestellte und einlagerte, platzte endgültig, nachdem die Staatsanwaltschaft bei der TMS eine Rechnung über 300.000 Euro für Gold-Dubletten fand, bei der das Wort Dublette am Kopierer weggemacht worden ist, wie GoMoPa.net herausfand.

Das führte schließlich dazu, dass alle vier verantwortlichen Goldhändler, darunter die TMS-Prokuristin Marion M.-S., aus Zehlendorf, Teltow und Frechen bei Köln im Alter von 45 bis 67 Jahren am 2. September 2015 verhaftet wurden und seitdem in Untersuchungshaft sitzen. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat die Vorwürfe von bandenmäßigem Betrug und Verstoß gegen das Kreditwesengesetz um den Vorwurf der gewerbsmäßigen Urkundenfälschung ergänzt.

Rechtsanwalt Markus Feck aus Erkelenz in Nordrhein-Westfalen, der die Krankenschwester Ramona Weidenbrück vertritt, die all ihr seit dem 16. Lebensjahr Erspartes, 70.000 Euro, an die BWF-Stiftung verlor, nennt als mögliche Anspruchsgegner neben den handelnden Personen, die eventuelle kriminell gehandelt haben, und neben den Beratern und Vermittlern als dritten Anspruchsgegner auch „die Wirtschaftspürfer, die attestiert haben, dass es richtiges Gold gibt.“

Anwalt Feck weiter: „Und wenn die nicht richtig geprüft haben, steht dahinter eine Versicherung, die den Schaden zu ersetzen hat.“

Bringt die KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Licht ins Dunkel?

Leider nein. „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu unseren Aufträgen aufgrund der gesetzlichen Verschwiegenheitspflicht nicht äußern dürfen“, sagte Marita Reuter, Pressesprecherin der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gegenüber procontra.

KPMG Deutschland ist allerdings noch mit zwei anderen großen Skandalen beschäftigt.

Im Fall Arcandor geht es um eine 85-Millionen-Klage gegen KPMG als Sanierungsberater.

Hier erhebt der Insolvenzverwalter von Arcandor, Görg-Partner Hans-Gerd Jauch, schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Sanierungs-Berater des insolventen Handels- und Touristikkonzerns: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG soll nicht auf eine bereits bestehende Zahlungsunfähigkeit von Arcandor hingewiesen haben.

Jauch hat bereits Ende 2014 gegen KPMG Klage eingereicht und fordert von KPMG rund 85 Millionen Euro Schadensersatz. KPMG bescheinigte noch Ende 2008 Arcandor die Sanierungsfähigkeit. Im Juni 2009 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Jauch ist der Ansicht, dass die Insolvenzreife der Arcandor aber bereits im September 2008 offenkundig gewesen sei.

Den Schaden berechnet der Insolvenzverwalter anhand der Verluste, die durch die Verzögerung der Insolvenz um mehrere Monate zusätzlich entstanden seien. Nach seiner Darstellung sei damals bereits die Finanzlage prekär gewesen, zudem meldeten zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Konzerntöchter Verlustausgleichsansprüche in Höhe von 377 Millionen Euro an. Für eine Sanierung habe es in diesem Szenario  keine “realistische Chance auf eine außergerichtliche Sanierung” mehr gegeben, so Jauch.

Die interessante Frage dürfte nun sein, ob die Gutachten der Wirtschaftsprüfer fehlerhaft waren – oder ob sie selbst mit Falschinformationen versorgt worden sind.

Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt seit längerem gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff und sechs weitere ehemalige Arcandor-Topmanager wegen des Verdachts von Bankrottdelikten. Geprüft wird dabei auch, ob das damalige Management möglicherweise die Vermögensverhältnisse des Konzerns in einem der Jahresabschlüsse unzutreffend dargestellt hat.

Arcandor ist das größte Insolvenzverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik. Von der Pleite betroffen waren bundesweit 43.000 Mitarbeiter der Kaufhaustochter Karstadt, der Versandhandelstochter Primondo und des Katalogversenders Quelle.

KPMG wollte sich auch hier nicht offiziell dazu äußern.

KPMG steht auch in einem weiteren prominenten Insolvenzfall im Kreuzfeuer.

So verlangt Berthold Brinkmann (Brinkmann & Partner) als Insolvenzverwalter der P&S Werften in Wolgast und Stralsund ebenfalls einen dreistelligen Millionenbetrag von den Wirtschaftsprüfern. Bis einschließlich April 2012 war KPMG für das sogenannte Monatsreporting zur wirtschaftlichen Lage auf den Werften zuständig.

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