Kein Bebauungsplan für Oeynhausen: Sonnenblumen statt Wohnungen

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Die halbe Kleingartenkolonie Oyenhausen in Schmargendorf wurde im Januar 2016 platt gemacht, obwohl es nicht mal einen Bebauuntsplan gibt (Foto: Groth Gruppe)
Die halbe Kleingartenkolonie Oeynhausen in Schmargendorf wurde im Januar 2016 plattgemacht, obwohl es nicht mal einen Bebauungsplan gibt (Foto: Groth Gruppe)

Hals über Kopf und bei minus 15 Grad mussten die Kleingärtner im Januar 2016 ihre Kolonie Oeynhausen e.V. in der Forckenbeckstraße 64-67 in Berlin-Schmargendorf räumen, um nun auf ihren zurückgelassenen Gemüsenbeeten Sonnenblumen wachsen zu sehen, erinnert sich verbittert eine Kleingärtnerin in der rbb Abendschau. 150 Lauben sollten Platz für angeblich dringend benötigte sechs- bis achtgeschossige Wohnbauten mit 900 Miet- und Eigentumswohnungen machen, die auf der Hälfte der Kleingartenkolonie schnellstmöglich gebaut werden sollten. Nach dem Berliner Modell waren mit dem Privatinvestor innerhalb der 900 Wohnungen auch 65 preisgebundene Sozialwohnungen vereinbart. Darüber hinaus verpflichtete sich der Investor, eine Kita mit 80 Plätzen zu bauen.

Tatsächlich hat die Berliner Groth Gruppe aber nur Sonnenblumen auf der plattgemachten Kleingartenkolonie angepflanzt, damit die Berliner nicht auf die Idee kommen, hier ihren Müll abzuladen. Das Gelände ist nämlich ungenutzt, weil eine Baugenehmigung fehlt.

Es gibt für das Gebiet noch gar keinen Bebauungsplan. Der soll anfang 2017 genehmigt werden – vielleicht. Sollte es Verzögerungen geben, blühen hier im nächsten Jahr wieder die Sonnenblumen.

Bevor sie in diesem Jahr restlos verblühen, lädt die Groth Gruppe die Berliner fürs kommende Wochenende ein, die Sonnenblumen zu pflücken. Am Bauzaun hängt ein Schild: „Zu verschenken. Sonne für Ihr Zuhause“

Darüber können sich die vertriebenen Kleingärtner gar nicht freuen. Statt der angekündigten Baustelle weit und breit nur Sonnenblumen. „Es ist doch traurig, dass man Sonneblumen pflanzt und uns Gärtner runterschmeißt“, sagte eine Betroffene. „Wir hätten eigentlich mehr Zeit haben können“, ergänzte eine weitere ehemaligen Laubenpieperin. „Sie sehen ja, wie es aussieht. Wir hätten ja viel mehr Zeit haben können, alles in Ruhe zu machen.“

Auf Nachfrage sagte die Groth Gruppe der rbb Abendschau: Ursprünglich habe man schon im Herbst 2016 mit dem Bau beginnen wollen. Aber der Bebauungsplan sei noch nicht genehmigt worden. Auch Axel Neukum (73) hatte hier einen Garten. 33 Jahre hatte er mit seiner Familie ein kleines Haus im Grünen gepachtet, bis eines Tages die Bagger kamen und die Kleingartenkolonie samt seiner Laube dem Erdboden gleichmachten. „Trauer und Wut, das sind die Stichworte hier, ja.“ Immer noch? „Immer noch. Na klar, so ist dat hier. Scheiße“, winkte Axel Neukum ab. Alles, was von den Kleingärten noch übrig ist, sind ein paar wild wachsende Tomaten und andere Gemüsesorten wie etwa Kohlrabi, die jetzt erntereif sind.

Update vom 23. August 2016: Die Groth Gruppe sagt erstens: Der Kompromiss war einvernehmlich

Eine Pressesprecherin der Groth Development GmbH & Co. KG aus dem Kurfürstendamm 63 in Berlin-Charlottenburg sandte dem Berlin Journal am 23. August 2016 folgende Stellungnahme: „In ihrem Beitrag wird zu Unrecht der Eindruck erweckt, als hätte die Groth Gruppe überstürzt das Grundstück an der Forckenbeckstraße geräumt, ohne zu wissen, wann gebaut werden kann und als gäbe es keinen Bebauungsplan. Das heißt, womöglich erst in ferner Zukunft. Ganz so schwarz-weiß und einfach ist es nicht.

Selbstverständlich existiert ein Bebauungsplan. Wenn man sich mit der Geschichte des Grundstücks auskennt und sie verfolgt hat, weiß man, dass dieser Bebauungsplan aus den sechziger Jahren stammt und eine Bebauung des kompletten Grundstücks mit einer dreigeschossigen Bebauung vorsieht. Das bedeutet, die Groth Gruppe könnte sofort anfangen zu bauen und zwar das gesamte Grundstück. Alle Lauben müssten runter. Da wir das jedoch nicht unbedingt wollten, gab es einen einvernehmlichen (!!!) Kompromiss zwischen dem Bezirk, dem Kleingartenverband und der Groth Gruppe. Dieser Kompromiss sah vor, dass die Hälfte der Lauben erhalten bleibt und auf der anderen Grundstückshälfte nicht dreigeschossig, sondern sechsgeschossig gebaut werden kann. Diese Kompromiss umfasste auch eine Räumung der Lauben vor der Nist- und Brutzeit der Vögel durch den Kleingartenverband. Zur zeitlichen Abfolge: Momentan wird der Bebauungsplan aus den sechziger Jahren überarbeitet, damit unter anderem auf der Hälfte des Grundstücks die Lauben bleiben können.

Zweitens läuft der Architekturwettbewerb für die zukünftige Bebauung.

Im Herbst planen wir die ersten Erschließungsmaßnahmen und im Frühjahr wollen wir mit dem Hochbau beginnen. Alles läuft planmäßig, wie mit dem Bezirk und Kleingartenverband besprochen. Die Baugenehmigung kann erst kommen, wenn Architektur und die neue B-Planüberarbeitung fertig sind. Das sollte im Herbst so sein. Gerne können Sie bei zukünftiger Berichterstattung und Recherche bei uns anrufen. Ich beantworte gerne Ihre Fragen und würde mich freuen, wenn Sie ihre Tonalität ein wenig der Realität anpassen würden. Bei komplexen und komplizierten Bauvorgängen gibt es nun mal keine 0815 Lösungen und Durchführungen. Hier ist jedoch ein Kompromiss entstanden, den alle Seiten mittragen. Und lieber schaut man auf ein Sonnenblumenfeld als auf eine staubige vermüllte Brache, oder?“

Demo am 13. September 2016

Edgar Thomas, der Vorsitzende des Bürgerbegehrens zur Rettung von Grünflächen in Charlottenburg-Wilmersdorf, will am 13. September 2016 um 16:30 Uhr mit einer Demo vors Rathaus Charlotttenburg in der Otto-Suhr-Allee 100 ziehen. Er fordert zum Beispiel ein Gesetz, das eine Kündigung für auf landeseigenen Flächen liegende Kleingärten „nur bei nachweislich notwendigen Infrastrukturmaßnahmen und nur mit Zustimmung des Landesparlaments im Einzelfall zulässt, wobei die Betroffenen und der Bezirk vorher vom Parlament anzuhören sind.“

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