Der im USA-Exil lebende einflussreiche islamische Prediger Fethullah Gülen (78) sagte gestern über die Verhaftungen in der Türkei: "Das war schon vorher geplant. Man hat nur einen überzeugenden Vorwand gebraucht. Das Szenario eines Putsches ließ die Sache vernünftig erscheinen." (Screenshot: Youtube/ZDF)
Der im USA-Exil lebende einflussreiche islamische Prediger Fethullah Gülen (78) sagte gestern über die Verhaftungen in der Türkei: „Das war schon vorher geplant. Man hat nur einen überzeugenden Vorwand gebraucht. Das Szenario eines Putsches ließ die Sache vernünftig erscheinen.“ (Screenshot: Youtube/ZDF)
Knapp 80.000 Beamte des öffentlichen Dienstes verloren ihren Job bei der Säuberungswelle, die der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach dem Putschversuch am 15. Juli 2016 angekündigt hatte. Das sagte Ministerpräsident Binali Yildirim im August im türkischen Fernsehen. Mehr als 100 Zeitungen, Schulen und Universitäten wurden geschlossen. Fast 40.000 Menschen wurden bei Razzien in 100 Orten festgenommen, zudem wurden 4.262 Firmen und Einrichtungen geschlossen, weil sie mit dem türkischen Prediger Fethullah Gülen zusammengearbeitet haben sollen. Die Regierung in Ankara hält den seit 1999 im selbst gewählten Exil in den USA lebenden Gülen für den Drahtzieher des Putschversuchs am 15. Juli 2016.
Doch nun schlägt Gülen zurück
Fethullah Gülen hat den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan direkt für den Putschversuch vom 15. Juli in der Türkei verantwortlich gemacht. „In den vergangenen Tagen kamen so viele Beweise ans Licht, dass dies zur Gewissheit wird“, sagte Gülen in einem gemeinsamen Interview der Deutschen Presse-Agentur, der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der spanischen Tageszeitung „El País“ an seinem Wohnort Saylorsburg in den USA.
Erdogan habe den Coup Jahre im voraus geplant. „Er hat nur auf die richtige Gelegenheit gewartet“, sagte Gülen, der seit 1999 im US-Exil lebt. Erdogan nutze den Putschversuch, um seine Macht zu festigen. Die türkische Regierung macht ihrerseits Gülen und seine regierungskritische Hizmet-Bewegung für den Putschversuch verantwortlich und fordert die Auslieferung des 78-Jährigen. Er gilt in der Türkei inzwischen als Staatsfeind Nr. 1.
„Im Nachgang des Putschversuches nutzt er ihn, um seine Macht zu verfestigen“, sagte Gülen über Erdogan. „Was immer er auch geplant hat – der Putsch gibt ihm die Möglichkeit, es zu tun.“ Viele für die Regierung unliebsame Amtsträger, ob in Ministerien, Militär, Gerichten oder bei der Polizei, seien entlassen, viele von ihnen inhaftiert worden.
Internationale Kommission gefordert
Gülen forderte eine internationale Kommission mit Experten aus den USA, Deutschland, den Niederlanden und weiteren Staaten, die den Putschversuch und dessen Umstände untersuchen sollten. Schon Mitte August hatte er in einem Beitrag für die französische Zeitung „Le Monde“ eine „internationale Untersuchung“ gefordert und gesagt: „Sollte auch nur ein Zehntel der gegen mich erhobenen Vorwürfe bestätigt werden, verspreche ich, in die Türkei zurückzukehren und die schwerste Strafe auf mich zu nehmen.“
Zudem erklärte sich Gülen am Freitag auch in einem Interview mit dem ZDF „heute-journal“ bereit, in die Türkei zurückzukehren, sollten die USA dem Auslieferungsgesuch aus Ankara zustimmen. Dann werde er seine restlichen Tage von der türkischen Regierung „gepeinigt“ in der Türkei verbringen.
Allerdings sei es der türkischen Führung bislang nicht gelungen, „irgendetwas Handfestes“ vorzuweisen. Vielmehr sei der Vorwurf, er sei für den gescheiterten Umsturz verantwortlich, ein Mittel, um seine Bewegung zu schwächen. „Man hat nur einen ernst zu nehmenden Vorwand gebraucht“, sagte Gülen. Die türkische Regierung bezeichnete er als „Leute außer Kontrolle.“ Nur die EU, die USA und die Nato könnten sie zwingen, zu den Regeln zurückzukehren.
Auch gehe er nicht davon aus, dass die Türkei in nächster Zeit Anforderungen erfüllen werde, die für Aufnahmeverhandlungen in die EU nötig seien. Dem Staat müsse mit internationalem Recht und Machtworten von NATO und den USA begegnet werden, forderte er. „Sonst wird das nicht aufhören“, betonte Gülen. „Sie werden nicht leichtfertig aufgeben, was sie bereits erreicht haben.“ Die Türkei habe eine Tradition der Demokratie. „Aber inzwischen haben wir fast alles verloren“, sagte Gülen.
In dem Interview warf Gülen Erdogan zudem „Paranoia“ vor. „Ich glaube, er zittert und schlottert vor Angst.“ Der Staatschef sei „von der Macht vergiftet“, und „schädlich für die Türkei“.
Ankara erklärte Gülen-Bewegung zur Terrororganisation
Gülen war bis zum Bruch 2013 selbst ein enger Verbündeter von Erdogan. Ursprünglich machte er sich als einflussreicher islamischer Prediger einen Namen. Bis in die 1980er Jahre hinein wirkte er als Imam in verschiedenen türkischen Städten. Seine Bewegung Hizmet („Dienst“) legte einen ihrer Schwerpunkte auf die Verbesserung von Bildungschancen. Wirtschaftliche Macht gewann die Gülen-Bewegung mit eigenen Schulen, Bildungseinrichtungen, Wirtschafts- und Medienunternehmen.
Seit dem Bruch mit dem damaligen Ministerpräsidenten Erdogan liefert sich dieser einen heftigen Machtkampf mit Anhängern der Gülen-Bewegung, der eine Unterwanderung von Polizei und Justiz vorwirft. Nach einem Korruptionsskandal im engsten Umfeld von Erdogans Regierungspartei AKP, der Ende 2013 in der Festnahme mehrerer Ministersöhne gipfelte, wurden zahlreiche mit den Ermittlungen befasste ranghohe Polizisten des Amtes enthoben.
Die Gülen-Bewegung wurde inzwischen zu einer Terrororganisation erklärt, viele ihrer führenden Köpfe stehen auf einer Liste der meistgesuchten Terroristen der Türkei. Die Türkei fordert Gülens Auslieferung. Der gesundheitlich angeschlagene Prediger lebt seit 1999 im US-Bundesstaat Pennsylvania. Er war nach einer Anklage wegen staatsgefährdender Umtriebe bereits Ende der 1990er Jahre ausgewandert – also schon lange vor dem Zerwürfnis mit Erdogan.
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