Reportage
Erdogan droht Italien wegen Geldwäsche-Ermittlungen gegen seinen Sohn

Türkeis Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan (62, AKP) ist sauer auf Italien. Italien ermittelt gegen seinen Sohn Bilal Erdogan wegen des Verdachts auf Geldwäsche. Erdogan wettert: „Italien sollte sich um die Mafia kümmern, nicht um meinen Sohn.“ Sollte sein Sohn, der in Italien studiert hat, in das Land zurückkehren, könne er verhaftet werden, kritisierte Erdogan am 2. August 2016 im italienischen Fernsehsender RAI. Erdogan drohte Italien: „Das könnte zu Problemen für unsere Beziehungen zu Italien führen.“
Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi verbat sich die Einmischung. Italien habe eine unabhängige Justiz, sagte Renzi. „Italiens Richter sind der italienischen Verfassung verpflichtet und nicht dem türkischen Präsidenten.“
Italienischen Medien zufolge ermitteln die italienischen Behörden wegen Geldes, das aus der Türkei nach Italien gebracht wurde. Im Juli 2016 gestattete ein Gericht in Bologna die Ausweitung der Ermittlung um sechs Monate. Die Vorwürfe weist Bilal Erdogan zurück.
Bilal Erdogan ging 2015 nach Bologna um zu promovieren. Zwischenzeitlich ist er in die Türkei zurückgekehrt. Die Ermittlungen gegen ihn beruhen Justizkreisen zufolge auf Anschuldigungen von Murat Hakan Uzan, einem im Exil lebenden Kritiker von Präsident Erdogan und Angehörigen einer der reichsten Familien der Türkei. Uzan war bereits im Jahr 2003 nach einem betrügerischen Bankrott der Türkiye İmar Bankasi gemeinsam mit seinem Vater aus der Türkei geflohen und lebte zeitweise unter anderem Namen in Jordanien.
Der 35jährige Bilal Erdogan ist das jüngste von vier Kindern des Präsidenten. Er besitzt Anteile in der Schifffahrtsbranche und kontrolliert mehrere Öltanker durch seine eigene Firma und Partnerschaften mit anderen Unternehmen. Bilal Erdogans Anwalt teilte laut BILD mit, sein Mandant habe erklärt, dass „all seine wirtschaftlichen und finanziellen Aktivitäten vollkommen transparent und legal sind und dass die Vorwürfe komplett unbegründet sind“.
Korruptionsskandal 2013
BILD hatte im Mai 2016 über die illegalen Geschäfte von Erdogan und dessen Sohn wie folgt berichtet: Korruptionsskandal 2013. Der Vorwurf: Bilal Erdogan soll öffentlichen Grundbesitz in der Innenstadt Istanbul statt für den Marktwert von einer Milliarde Dollar für weniger als 500 Millionen Dollar erhalten haben. Angeblich soll Bilal dafür drei Millionen Dollar Schmiergeld gezahlt haben.
Auch gegen Bilals Türgev-Stiftung, die eigentlich nicht mehr sein soll als ein Netz aus Privatschulen – ermittelten die Justizbehörden in diesem Zusammenhang. Angeblich erhielt die Stiftung unter Vermittlung der Erdogan-Partei AKP Grundstücke, ohne dafür zu bezahlen.
Bilal Erdogan sollte vernommen werden, sogar eine Inhaftierung drohte. Sein Vater, damals Ministerpräsident, ließ den Staatsanwalt kurzerhand von seinen Aufgaben entbinden. Die Opposition forderte den Rücktritt Erdogans als Ministerpräsident.
Anlass waren angebliche Mitschnitte von Telefonaten mit Bilal, die im Internet aufgetaucht waren. Die Telefonate sollen vor allem am 17. Dezember 2013 stattgefunden haben. An dem Tag wurden Dutzende Verdächtige aus dem Umfeld der Regierungspartei AKP unter Korruptionsverdacht festgenommen.
Auf den Aufnahmen weist angeblich Erdogan seinen Sohn an, Geld wegzubringen, das er in seinem Haus aufbewahrt hatte.
„Bringe alles weg, was in deinem Haus ist”, sagt die Stimme des älteren Gesprächsteilnehmers in einem Telefonat, dessen Zeitpunkt mit 8.02 Uhr am Morgen angegeben wird. „Dein Geld ist im Tresor”, antwortet die jüngere Stimme. In einem anderen Gespräch, dessen Zeit mit 23.15 Uhr angegeben wird, sagt die jüngere Stimme, 30 Millionen Euro hätten noch nicht „aufgelöst” werden können. Sie fragt dann: „Soll etwas Geld bei dir verbleiben?” In einem fünften und letzten Telefonat warnt die ältere Stimme: „Sohn, du wirst abgehört.”
Bereits 2014 hatte BILD Erdogan in einem offenen Brief kritisiert – Anlass war der Wahlkampf-Auftritt Erdogans in Köln im Mai 2014. Auszug: „Sie weinten nach dem Grubenunglück in Soma nicht über die 301 Toten, sondern zuckten nur mit der Schulter und sagten: ‚So etwas passiert eben‘.
Sie ließen die Internet-Plattformen Youtube und Twitter sperren, weil Ihr Volk dort frei seine Meinung äußern konnte.
Sie reagierten auf Korruptionsvorwürfe gegen Ihre Familie, indem Sie Hunderte Polizisten und Anwälte ihrer Ämter enthoben. Sie sperren kritische Journalisten ins Gefängnis.
Erdogan reagierte auf dem damaligen Event in Köln, wies die Kritik zurück und schimpfte. Früher war der Erdgon-Clan mit den italienischen Machthabern noch eng verbunden: Zur Hochzeit von Bilal Erdogan mit Reyyan im August 2003 kam auch der damalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Nun ermittelt die italienische Staatsanwaltschaft gegen den Erdogan-Sohn.
Der Erdogan-Clan verschanzt sich hinter hohen Mauern im Istanbuler Stadtteil Üsküdar. Fünf Villen bewohnt die Erdogan-Familie dort – alle sind im Besitz der Söhne Ahmet und Bilal. Wert: rund sechs Millionen Euro.
Erdogan selbst wohne hier nur zur Miete, heißt es.
Während ihr Vater im Jahr gerade einmal rund 50.000 Euro verdient, schwimmen die Kinder in Geld. Woher das stammt? Offizielle Angaben gibt es nicht.
Laut der oppositionellen Zeitung „Cumhuriyet“ sollen sich alle, bis auf die jüngste Tochter, unternehmerisch engagieren – in Branchen wie Kosmetik, Fertiggerichten, Schifffahrt und Juwelen.
Der erste Erdogan-Spross Ahmet Bural Erdogan (36) stieg vor einigen Jahren groß ins Seefracht-Geschäft ein. An seiner Seite damals noch Großreeder Mecit Çetinkaya. Heute sollen Ahmet Bural Erdogan 99 Prozent der MB-Reederei gehören.
Sein Vermögen wird auf mindestens 72 Millionen Euro geschätzt.
Gerüchte ranken sich darum, wie er an das Geld für den Einstieg ins Schifffahrtsgeschäft gekommen ist. Immer wieder werden zudem Fragen laut, ob er bei Geschäften von der Regierung begünstigt wird.
1998 hatte der älteste Erdogan-Sohn in Istanbul die Sängerin Sevim Tanürek überfahren, die wenig später im Krankenhaus an ihren Verletzungen starb. Erdogan-Junior beging Fahrerflucht – er hatte keinen Führerschein. Zum Prozessauftakt war der Täter plötzlich verschwunden. Er sei wegen eines Sprachkurses in England verhindert, hieß es. Später änderte der Verkehrsgutachter seine Meinung und den Bericht. Tanürek sei selbst Schuld an dem Unfall gewesen. Der Gutachter wurde kurz darauf von Erdogan zum Vize der staatlichen Schifffahrtsgesellschaft ernannt.
Ahmet selbst gilt heute als abgetaucht. Selbst auf Familienfeiern und Hochzeiten lässt er sich nicht blicken.


