Reportage
Nato-Chef: Putin hat Atomwaffen „jedenfalls angedroht“

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat sich auf der Sonntag zuende gegangenen dreitägigen Sicherheitskonferenz in München besorgt über Russlands Atomwaffen gezeigt. Präsident Wladimir Putin habe deren Anwendung „jedenfalls angedroht“, sagte Stoltenberg zu BILD. „Und die russischen Truppen üben demonstrativ damit.“
Gleichzeitig machte Stoltenberg klar, dass die Nato atomaren Drohungen nicht tatenlos zusehen werde. „Die Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen darf nicht sinken. Uns liegt der Einsatz von Atomwaffen ferner denn je. Aber so lange es die Atomwaffen gibt, sind sie Teil unserer Abschreckungsstrategie“, sagte der Nato-Generalsekretär.
Er gehe allerdings nicht so weit, Russland als „Feind“ der Nato zu bezeichnen, wie Putin es umgekehrt mit Blick auf den Westen getan hatte. „Die Welt ist zu kompliziert, um sie in Freund und Feind zu unterteilen“, sagte Stoltenberg. „Ohne Russland können wir die großen Konflikte der Welt nicht lösen.“
Laut Bulletin of Atomic Scientists enthielt das russische Arsenal Anfang 2015 zwischen 7.500 und 8.000 Atomwaffen, von denen ca. 1.800 aktive und einsatzfähige Atomsprengköpfe sind. Weiter sind ca. 2.000 taktische Atomwaffen im Lager vorhanden und bis zu 3.200 außer Dienst gestellte Atomwaffen, wovon ein großer Teil für die Abrüstung im Rahmen bilateraler Verträge vorgesehen ist.
Russlands Schrecken heißt Topol-M (Natobezeichnung: SS-27)
Die Topol-M ist eine dreistufige Feststoffrakete und wird in der Wotkinsker Maschinenfabrik produziert. Das mobile System ist auf dem geländegängigen MZKT-79221-16×16-LKW untergebracht und damit schnell verlegbar und schwierig zu lokalisieren; eine präventive Zerstörung ist demnach nicht zuverlässig möglich. Jedes Fahrzeug ist mit einem Flugkörper bestückt.
Der Gefechtskopf der russischen Atomrakete Topol-M ist in der Lage, nach dem Start von einer ballistischen in eine semiballistische Flugbahn zu wechseln; dadurch ist es Raketenabwehrsystemen nur sehr schwer möglich, den Flugkörper zu zerstören.
Die Rakete ist mit einem nuklearen MARV-Sprengkopf mit einer Sprengkraft von 550 kT TNT ausgestattet (möglicherweise auch 800kT wie bei der Vorgängerversion Topol). Mit der Topol-M sollen sich sämtliche strategische Ziele, wie gehärtete Raketensilos und unterirdische Kommandobunker, bekämpfen lassen.
Zukünftig soll diese als einzige SS-27 Version produziert werden. Die seegestützte Bulawa SLBM verwendet ebenfalls Technologien der Topol-M.
US- und NATO-Experten sehen die Topol als Erstschlagswaffe, mit der aber auch ein erfolgreicher Zweitschlag geführt werden könne.
Russlands Regierungschef Dmitri Medwedew hatte zuvor bei der Münchener Sicherheitskonferenz die Beziehungen zwischen Moskau und dem Westen als „neuen Kalten Krieg“ bezeichnet. „Praktisch jeden Tag werden wir zur größten Bedrohung erklärt, mal für die Nato insgesamt, mal für Europa, mal für die USA“, erklärte Medwedew am gestrigen Samstag.
Laut BILD sorgt sich die Nato außerdem darum, dass Russland Flugabwehrsysteme an seiner westlichen Grenze über die Krim bis nach Syrien stationiert.
Putin installiert außerdem komplexe Flugabwehr
Die Angst vor einem Atomschlag ist nicht die einzige Befürchtung. Die Nato beobachtet mit Sorge, dass Russland komplexe Flugabwehrsysteme (A2/AD, Anti-Access/Areal-Denial) entlang einer Linie nördlich von Norwegen über Kaliningrad, die Krim bis hin nach Syrien stationiert. Putin könnte sich damit unangreifbar machen, selbst nach Grenzverletzungen wie einer Invasion im Baltikum.
Nach BILD-Informationen war diese Entwicklung auch Thema beim Gipfel der Nato-Verteidigungsminister vom 10. bis 12. Februar 2016 in Brüssel. Bei dem Treffen haben die Minister unter anderem über weitere Maßnahmen zur Absicherung des Bündnisgebiets sowie den Syrien-Konflikt beraten. „Wir sehen mehrere solcher dichten Raketen-Abwehr-Muster von Kaliningrad bis Syrien“, bestätigte Nato-Oberkommandeur US-General Philip Mark Breedlove auf BILD-Nachfrage. „Das besorgt uns sehr.“
„A2/AD“ ist der militärische Fachbegriff für mehrere Flugabwehrsysteme, die zur selben Zeit am gleichen Ort stationiert eine Art Luftverteidigungs-Blase erzeugen. Das Besondere: Der Zugang zu diesen Blasen ist für einen Gegner weder aus der Luft, noch über Land oder vom Wasser aus möglich.
Auszuschalten sind die Flugabwehr-Systeme kaum. „Ein paar unserer Partner haben die Möglichkeit dazu“, erklärte Breedlove. „Aber nicht genug. Wir müssen dieses Problem angehen.“ Es gebe „mehrere dieser Blasen auf Nato-Gebiet“, warnte der Vier-Sterne-General.


