Reportage
Dschihad-Mädchen Linda W. (16) droht der Tod
Linda Wenzel aus Sachsen war als 15-Jährige in den Irak gereist, um sich dort dem Islamischen Staat anzuschließen. Sie heiratete dort einen IS-Kämpfer aus Tschetschenien, der jedoch umkam. Nun droht ihr dort die Todesstrafe.
Vor gut einem Jahr machte sich Linda Wenzel aus dem sächsischen Pulsnitz auf den Weg nach Syrien, um sich dort dem Islamischen Staat anzuschließen. Sie war damals erst 15 Jahre alt. Die Eltern wollen die Radikalisierung ihrer Tochter und den zunehmenden Kontakt mit IS-Leuten nicht bemerkt haben.
Als Linda Wenzel ihren Eltern im Frühjahr 2016 über ihr Interesse für den Islam berichtete, kauften ihr die Eltern sogar einen Koran. „Wir haben uns nichts dabei gedacht“, sagte die Mutter im Rückblick. Als Linda Wenzel im muslimischen Fastenmonat Ramadan mitmacht, glauben ihre Eltern, sie mache nur eine Diät, berichtet FOCUS.
Eltern finden Facebook-Account der Tochter
Am 3. Juli 2016 kam Linda Wenzel nach einem Wochenende, das sie angeblich bei einer Freundin verbringen hatte wollen, nicht nach Hause. In ihrem Zimmer fanden die Eltern dann den Ausdruck eines Flugtickets nach Istanbul. Dorthin war ihre Tochter bereits zwei Tage zuvor weggeflogen.
Zudem fanden die Eltern Hinweise darauf, dass sich ihre Tochter dem IS angeschlossen hat und auf dem Weg Richtung Syrien ist. Die Schülerin wird international zur Fahndung ausgeschrieben. Später fanden die Eltern heraus, dass Linda Wenzel einen zweiten Facebook-Account hatte, über den sie Kontakt mit ihren arabischen Freunden hielt.
Am 15. Juli 2016 startet die Staatsanwaltschaft Dresden Ermittlungen gegen Linda Wenzel. Der Verdacht lautet auf Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Dann erfährt die Öffentlichkeit bis zu ihrer Festnahme ein Jahr später im Irak ein Jahr später zunächst nichts über ihr Schicksal.
Mann von Linda Wenzel wird getötet
Laut einem Bericht der BILD wurde Linda Wenzel Anfang August 2016 von Kämpfern der Gruppe Ahrar al-Sham am Grenzübergang Bab al-Hawa in der syrischen Provinz Idlib aufgegriffen und dann von Kämpfern der Gruppe Jund al-Aqsa (JAA) abgeholt. Dies ist eine Art versteckter IS-Ableger, der bei Waffentransporten und Schmuggel hilft.
Die Dschihadisten schmuggelten Linda in ein vom IS kontrolliertes Gebiet in Syrien. Dort heiratete sie einen IS-Kämpfer aus Tschetschenien. Später wurde die inzwischen 16-Jährige nach eigenen Angaben weiter nach Mossul „verfrachtet“. Kurz nach ihrer Ankunft dort wird ihr Mann getötet.
Im Februar 2017 begann die irakische Armee den Sturm auf den Westen von Mossul. Dort arbeitete Linda Wenzel inzwischen offenbar für die Polizei des IS. Am 9. Juli 2017 eroberten die Iraker den letzten Zufluchtsort des Islamischen Staats im Westteil von Mossul und feierten den Sieg über die Dschihadisten.
Irakisches Militär findet 20 IS-Frauen
Linda Wenzel versteckte sich mit anderen IS-Frauen in einem Tunnelsystem der Terrormiliz. Am 13. Juli nahm das Militär 20 weibliche IS-Anhänger fest, darunter fünf aus Deutschland. Da es noch immer kein Lebenszeichen von Linda Wenzel gab, stellte die Staatsanwaltschaft Dresden am 16. Juli die Terror-Ermittlungen gegen sie ein.
Doch nur einen Tag später meldet plötzlich die WELT, dass unter den fünf in Mossul festgenommenen IS-Anhängerinnen auch Linda Wenzel ist. Im Tunnelsystem des IS hätten die Frauen auch Waffen und Sprengstoffgürtel in ihrem Besitz gehabt, um damit die irakische Truppen anzugreifen.
Und wiederum einen Tag später meldete die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf irakische Armeeangaben, dass unter den 20 in Mossul festgenommenen IS-Anhängerinnen doch keine 16-jährige Deutsche sei. Allerdings kursierten in den sozialen Netzwerken Bilder von einem festgenommenen Mädchen, das Linda Wenzel sehr ähnlich sieht.
Am Samstag bestätigte dann auch die Staatsanwaltschaft Dresden, dass in Mossul eine 16-Jährige aus Sachsen identifiziert worden war. Diese werde nun von der deutschen Botschaft im Irak betreut.
Linda Wenzel: „Ich bin Deutsche“
Am Sonntag sagte Linda Wenzel einem Reporter der Süddeutscher Zeitung: „Ich will nach Hause zu meiner Familie.“ Der Reporter durfte unter strenger Aufsicht der Armee in einem Bagdader Militärkrankenhaus mit dem Mädchen sprechen, weil er auch für das irakische Fernsehen arbeitet. Dem Bericht zufolge hat sie am linken Oberschenkel eine Schusswunde.
„Mir geht es gut“, sagte die 16-Jährige dem Reporter. In dem Tunnelsystem in Mossul, wo sie sich versteckt gehalten hatte, sei sie von den 20 Frauen die einzige Deutsche gewesen. Dass sie bei ihrer Festnahme für eine Jesidin gehalten worden sei, habe sie genervt. „Ich bin Deutsche“, habe sie den Soldaten gesagt.
Wenn Linda Wenzel im Irak verurteilt wird, droht ihr die Todesstrafe. Zwar gibt es kein Auslieferungsabkommen mit dem Irak. Dennoch ist eine Auslieferung nach Deutschland durchaus möglich. Die Staatsanwaltschaft Dresden hat die Ermittlungen gegen sie bereits wieder aufgenommen.


