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Reportage

Wer regiert Berlin? Clans, Gangs und der Kampf um die Straße

Von Heino Ziessnitz · · 10 Min. Lesezeit

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Remmo, Abou-Chaker, Miri: Die Namen der bekannten Berliner Clans stehen seit Jahren in den Schlagzeilen. Inzwischen drängen Gruppen wie die „Daltons“ und „Casper“ ins Blickfeld. Es geht um Geld, Einfluss und Einschüchterung.

Die Folgen sind auf Berlins Straßen zu sehen: zerstörte Geschäfte, brutale Überfälle und bewaffnete Auseinandersetzungen. Wie viel Macht darf sich die Unterwelt noch nehmen?

Zweimal innerhalb weniger Tage fallen Schüsse auf ein Café in der Neuköllner Silbersteinstraße. Am 13. Oktober 2026 entdeckt die Polizei Einschusslöcher im Schaufenster und in der Hausfassade. Am 16. Oktober wird erneut auf das geschlossene Lokal geschossen. Niemand wird dabei verletzt.

Die Täter hinterlassen trotzdem eine Botschaft, die weit über den Sachschaden hinausgeht: Hier sind Menschen bereit, mitten in einem Wohngebiet Schusswaffen einzusetzen. Wer hinter den Angriffen steckt und welches Motiv sie haben, ist nach den veröffentlichten Polizeimeldungen offen.

Wer regiert Berlin? Für einen Ladenbesitzer, der bedroht wird, entscheidet sich diese Frage nicht bei einer Pressekonferenz im Roten Rathaus. Sie entscheidet sich daran, ob er sein Geschäft überhaupt öffnen kann, ohne Schutzgeld zahlen zu müssen.

Berlins bekannte Clans: Einfluss, Geld und Geschäftsfelder

Remmo, Abou-Chaker, Al-Zein und Miri gehören zu den bekanntesten Namen des Berliner Clanmilieus. Ihre Netzwerke unterscheiden sich jedoch erheblich. Ihre Macht beruht nicht überall auf denselben Geschäften.

Beschreiben lassen sich konkrete wirtschaftliche Aktivitäten, Verbindungen ins Milieu und nachgewiesene Straftaten einzelner Angehöriger. Eine öffentlich belegte Aufteilung der Hauptstadt unter den Familien gibt es nicht.

Remmo: Millionencoups und Immobilienvermögen

Bei Angehörigen der Remmo-Familie sind besonders schwere Eigentumsdelikte nachgewiesen. Dazu gehören der Diebstahl der Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum 2017 und der Einbruch ins Dresdner Grüne Gewölbe 2019. Die rechtskräftigen Verurteilungen zeigen, dass beteiligte Familienangehörige aufwendige Einbrüche mit Millionenbeute organisieren konnten.

Wirtschaftlich bedeutend sind außerdem Immobilienkäufe, Vermietung und die Herkunft des dafür eingesetzten Kapitals. Im April 2026 wurde bekannt, dass nach einer BGH-Entscheidung fünf dem Remmo-Umfeld zugerechnete Immobilien rechtskräftig an das Land Berlin übergingen. Über weitere 58 Objekte wird seit Juni 2026 erneut verhandelt. Die Staatsanwaltschaft hält deren Finanzierung für illegal. Die Betroffenen berufen sich auf legale Einkünfte.

Einfluss in Berlin: Die Fälle zeigen ein Umfeld, in dem schwere Eigentumskriminalität und erhebliche Vermögenswerte zusammentreffen. Grundstücke und Wohnungen schaffen wirtschaftliche Interessen über einzelne Straftaten hinaus. Daraus folgt jedoch keine Kontrolle über ganze Bezirke. Der häufig als Familienpatriarch bezeichnete Issa Remmo ist zudem von den jeweils verurteilten Angehörigen zu unterscheiden.

Abou-Chaker: Musikgeschäft, Gastronomie und Immobilien

Bei Abou-Chaker ist die Verbindung zwischen öffentlicher Bekanntheit und wirtschaftlichem Einfluss besonders deutlich. Arafat Abou-Chakers Zusammenarbeit mit Bushido eröffnete Zugang zum umsatzstarken Rapgeschäft. Daneben sind Immobiliengeschäfte und gastronomische Aktivitäten aus seinem Umfeld dokumentiert. Dazu gehören gemeinsam mit Bushido erworbene Villen in Kleinmachnow sowie ein Lokal in Treptow.

Die finanziellen Dimensionen zeigt der Zivilstreit mit Bushido: Das Kammergericht bestätigte im Januar 2026 die Rückzahlung von rund 1,78 Millionen Euro Managervergütung und bewertete den Managementvertrag als sittenwidrig. Der Beschluss war laut damaliger Gerichtsmitteilung noch nicht rechtskräftig. Ein späterer Abschluss ist hier nicht belegt. Davon getrennt ist der Strafprozess: Dort wurde Arafat Abou-Chaker von den Hauptvorwürfen freigesprochen und wegen heimlicher Gesprächsaufnahmen zu einer Geldstrafe verurteilt. Dieses Strafurteil ist rechtskräftig.

Einfluss in Berlin: Belegt sind Verbindungen in die Musikbranche und wirtschaftliche Interessen in Gastronomie und Immobilien. Der Tagesspiegel beschrieb bereits 2024 einen gesunkenen Einfluss der Familie im kriminellen Milieu. Ihre große Medienpräsenz ist deshalb kein verlässlicher Maßstab für ihre heutige Macht auf der Straße.

Al-Zein: Drogenhandel, Raub und überregionale Verbindungen

Die Al-Zein-Familie, auch El-Zein geschrieben, ist über Berlin hinaus verzweigt. Dokumentiert sind Verbindungen nach Nordrhein-Westfalen, Kontakte zu Miri-Angehörigen und familiäre Beziehungen zu den Remmos. Solche Verbindungen belegen allerdings noch keine gemeinsame kriminelle Organisation.

Zu den konkret belegten kriminellen Feldern einzelner Angehöriger gehören Drogenhandel und schwere Raubdelikte. Mahmoud Al-Zein wurde 2008 wegen Beteiligung an Drogengeschäften zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Beim KaDeWe-Überfall 2014 erbeuteten die Täter Schmuck im Wert von rund 817.000 Euro. Jehad Al-Zein wurde als Anführer des Überfalls zu sechs Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.

Einfluss in Berlin: Die belegten Fälle zeigen Zugang zu Drogen- und Raubmilieus sowie Verbindungen über die Hauptstadt hinaus. Eine aktuelle Beherrschung bestimmter Berliner Straßen oder eine feste Rangordnung gegenüber anderen Familien lässt sich daraus nicht ableiten. Die Bezeichnung Mahmoud Al-Zeins als „Pate von Berlin“ ist ein medialer Beiname, keine behördlich festgestellte Führungsposition über die Berliner Unterwelt.

Miri: Verbindungen zwischen Berlin, Bremen und Nordrhein-Westfalen

Die Miri-Netzwerke haben einen besonders bekannten Schwerpunkt in Bremen, sind aber auch in Berlin und Nordrhein-Westfalen dokumentiert. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland nennt als kriminelle Aktivitäten von Angehörigen unter anderem Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Waffenhandel und illegalen Medikamentenhandel. Diese überregionale Darstellung darf jedoch nicht pauschal jedem Berliner Miri-Angehörigen zugerechnet werden.

Einen konkreten Berliner Zusammenhang liefert der KaDeWe-Raub: Hussein Miri, der Besitzer des Fluchtfahrzeugs, sagte gegen Al-Zein-Angehörige aus und erhielt nach dem WDR-Bericht eine zweijährige Bewährungsstrafe. Der Fall zeigt, dass Tatbeteiligte aus unterschiedlichen Familien zusammenarbeiten können – und dass solche Verbindungen auch zerbrechen.

Einfluss in Berlin: Dokumentiert sind Kontakte in andere Familiennetzwerke und eine Beteiligung an einem bedeutenden Raubverfahren. Daraus lässt sich keine eigenständige Kontrolle des Berliner Drogenmarkts ableiten. Gerade bei Miri müssen Berliner Aktivitäten von Fällen aus Bremen und Nordrhein-Westfalen getrennt werden.

Chahrour: Bekanntes Familiennetzwerk, begrenzte öffentliche Erkenntnisse

Auch Chahrour wird in Berliner Milieuberichten genannt. Die Morgenpost berichtete im September 2021 über einen Prozess, in dem zwei Angehörigen gemeinsam mit weiteren Männern der Betrieb eines Kokainlieferservices vorgeworfen wurde. Der damalige Bericht dokumentiert einen Anklagevorwurf. Einen abschließenden Verfahrensausgang konnte die vorliegende Recherche nicht belastbar zuordnen.

Einfluss und Geschäftsfelder: Ein aktuelles, einheitliches Geschäftsmodell der gesamten Familie lässt sich öffentlich nicht seriös beschreiben. Das ZDF stellte ausdrücklich auch Angehörige vor, die nicht zum kriminellen Milieu gehören und unter der Stigmatisierung ihres Namens leiden. Eine Darstellung als geschlossenes kriminelles Unternehmen wäre deshalb irreführend.

Wo kriminelle Netzwerke auf die legale Wirtschaft treffen

Für das Berliner Clanmilieu insgesamt beschreibt die Polizei gewerbliche Aktivitäten in Gastronomie, Tabakhandel, An- und Verkauf, Juweliergeschäften, Bauunternehmen und Autovermietungen. Hinzu kommen Erkenntnisse zu Geldwäsche und zur Anlage illegaler Einnahmen im legalen Wirtschaftssektor. Das Lagebild zur OK (Organisierte Kriminalität) liefert offiziell keine nach Familien aufgeschlüsselte Firmenliste.

Entscheidend ist jeweils, wie das Geld verdient wird und wer tatsächlich über ein Geschäft verfügt. Ein Restaurant, ein Mietshaus oder eine Autovermietung ist nicht allein deshalb kriminell, weil ein Eigentümer einen bekannten Familiennamen trägt. Wo dagegen Erpressung, die Verschleierung von Eigentumsverhältnissen oder nachgewiesene Straftaterträge ins Spiel kommen, wird aus wirtschaftlicher Tätigkeit ein Fall für Polizei und Justiz.

Wenn aus Rivalität ein Bandenkrieg wird

Wie gefährlich die Eskalation zwischen kriminellen Gruppen werden kann, zeigte sich bereits im November 2020. Nach der späteren Anklage griff eine Gruppe tschetschenischer Männer Menschen in einem Neuköllner Spätkauf an. Der Berliner Kurier ordnete das Geschäft dem Remmo-Umfeld zu.

Bei dem Angriff wurden drei Männer verletzt, teilweise schwer. Hintergrund war laut Anklage eine Vergeltungsaktion im Zusammenhang mit Drogenkriminalität und Schutzgelderpressung.

Der Kurier berichtete außerdem über einen mutmaßlichen Racheangriff am folgenden Tag in Gesundbrunnen. Dabei seien zwei tschetschenische Männer attackiert worden, die nach Ermittlerangaben nicht die ursprünglichen Angreifer gewesen seien.

Angriff, Vergeltung, neue Gewalt: So können Bandenfehden Menschen erfassen, die mit der ursprünglichen Tat nichts zu tun haben. Der Fall stammt aus dem Jahr 2020 und darf nicht als aktuelle Dauerauseinandersetzung ausgegeben werden. Er beschreibt jedoch konkret, was hinter dem oft leichtfertig verwendeten Wort „Bandenkrieg“ stehen kann.

Die neuen Herausforderer heißen „Daltons“ und „Casper“

Die Berliner Unterwelt besteht längst aus mehr als den bekannten Familiennetzwerken. Der rbb beschrieb im Februar 2026 neue, türkisch geprägte Gruppierungen wie „Daltons“, „Casper“ und „Schlümpfe“, die etablierte Machtstrukturen mit offener Gewalt herausforderten.

Die Namen klingen nach Comicfiguren. Die Methoden haben mit harmloser Unterhaltung nichts zu tun. Nach Recherchen des ARD-Magazins Kontraste nutzen solche Gruppen soziale Medien zur Selbstdarstellung und zur Anwerbung junger Männer. Das Bundeskriminalamt erklärte gegenüber dem Magazin, die Gruppierungen seien in Deutschland vor allem bei der Bedrohung und Erpressung von Geschäftsleuten sowie im illegalen Waffenhandel aktiv.

Kontraste schilderte einen besonders konkreten Fall: Ein Anrufer stellte sich einem Supermarktbetreiber als „Ahmet von den Daltons“ vor und verlangte 250.000 Euro Schutzgeld. Danach wurde auf zwei Filialen geschossen. Der Schütze Alican C. wurde zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Damit wird die Machtfrage sehr handfest. Wer mit einer Pistole die Zahlung einer sechsstelligen Summe erzwingen will, greift unmittelbar die Existenz eines Unternehmers an. Nicht jeder beschossene Laden gehört einem kriminellen Milieu. Geschäftsleute können Opfer sein, deren einziger „Fehler“ darin besteht, dass Erpresser bei ihnen Geld vermuten.

Schüsse und Handgranaten treffen die Stadt

Wie weit die Gewalt reichen kann, zeigte der Angriff auf den „Sinatra Club 04“ in Kreuzberg am 16. Dezember 2025. Nach einem rbb-Bericht warfen zwei Maskierte eine Handgranate in das Lokal an der Audre-Lorde-Straße. Die Granate explodierte. Der Club war zu diesem Zeitpunkt unbesucht, niemand wurde verletzt. Die Polizei prüfte einen Bezug zur organisierten Kriminalität; eine bestimmte Bande war durch diese Mitteilung nicht als Täter festgestellt.

Ein weiterer Fall betrifft Schüsse auf ein Café in der Hermannstraße im April 2026. Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft soll ein später festgenommener 21-Jähriger mit einer halbautomatischen Waffe auf die Fensterfront geschossen haben. Dabei soll er den Tod von Menschen im Lokal in Kauf genommen haben. Die Ermittler brachten die Tat mit einer Schutzgeldforderung in Verbindung. Es handelt sich um einen Tatverdacht.

Diese Fälle dürfen nicht ungeprüft zu einem einzigen Krieg zwischen denselben Gruppen zusammengesetzt werden. Zusammen zeigen sie aber, welche Gewaltmittel in Berlin eingesetzt werden. Wenn eine Handgranate in einem Geschäft explodiert, ist das kein fernes Unterweltproblem. Es geschieht in einer Stadt, in der Menschen wohnen und arbeiten.

952 Straftaten – und die Grenzen der Statistik

Für 2025 registrierte die Berliner Polizei 952 Straftaten mit 342 Tatverdächtigen im Phänomenbereich Clankriminalität. Im Vorjahr waren es 851 Taten und 296 Tatverdächtige. Das entspricht einem Anstieg der registrierten Delikte um rund zwölf Prozent.

Die Zahl ist ernst zu nehmen, aber richtig zu lesen. Sie enthält unterschiedliche Delikte, darunter auch Verkehrsverstöße. Sie zählt weder 952 Schießereien noch ausschließlich organisierte Verbrechen.

Auch die Gleichsetzung von Clankriminalität und organisierter Kriminalität führt in die Irre. Von 55 Berliner OK-Ermittlungskomplexen im Jahr 2024 wurden sieben dem Bereich Clankriminalität einschließlich seines Umfelds zugerechnet. Wer nur auf die bekannten Familiennamen schaut, übersieht einen großen Teil der übrigen kriminellen Strukturen.

Der Staat schlägt zurück. Reicht das?

Berlin hat mit der Polizeieinheit Ferrum und der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsgruppe Telum auf die Schusswaffenkriminalität reagiert. Im Mai 2026 wurden bei einem Einsatz gegen eine mutmaßliche kriminelle Vereinigung 28 Wohn- und Aufenthaltsanschriften durchsucht und neun Männer festgenommen. Die Gruppe soll für mehrere Erpressungslagen mit Schussabgaben verantwortlich sein.

Solche Ermittlungen sind notwendig. Eine Razzia allein ist allerdings noch kein dauerhaft sicherer Kiez. Entscheidend ist, ob sich Tatvorwürfe beweisen lassen, Täter verurteilt werden und Geschädigte anschließend ohne Angst weiterleben können.

Die Antwort auf „Wer regiert Berlin?“ darf nicht davon abhängen, wer die größere Familie mobilisiert oder schneller eine Waffe beschafft. Ein Rechtsstaat muss durchsetzen, dass ein Ladenbesitzer Nein sagen kann. Dass ein Zeuge aussagt. Dass ein Streit vor Gericht endet und nicht vor einer zerschossenen Schaufensterscheibe.

Berlin gehört seinen Bürgern. Diesen Anspruch muss der Staat auch dort durchsetzen, wo Kriminelle ihn mit Gewalt bestreiten.

Recherchestand: 20. Oktober 2026

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