Reportage
Essen bei den Tafeln reicht nicht mehr für alle
In Deutschland nutzen 1,5 Millionen Menschen regelmäßig die Tafeln. Durch die Flüchtlingskrise ist die Nachfrage nach dem kostenlosen Essen so stark gestiegen, dass es längst nicht mehr für alle reicht.

In Deutschland nutzen heute 1,5 Millionen Menschen regelmäßig die sogenannten Tafeln, um kostenlos an Lebensmittel zu kommen. Das sind doppelt so viele Tafelnutzer wie noch vor zehn Jahren. Wegen des Ansturms haben die Tafeln in den vergangenen zwei Jahren Aufnahmestopps verhängt und Wartelisten aufgehängt.
Im vergangenen Jahr nahm die Zahl der Tafelnutzer im Vergleich zu 2014 um 18 Prozent zu, die Spenden aber nur um zehn Prozent. „Trotz angestiegener Spendenmenge bekommt jeder Einzelne im Durchschnitt etwas weniger Lebensmittel“, zitiert der Tagesspiegel Jochen Brühl, den Vorsitzenden des Bundesverbands Deutsche Tafel.
Essen bei Tafeln knapp wegen Massen an Flüchtlingen
Die Zunahme der Esser im vergangenen Jahr ist vor allem darauf zurückzuführen, dass nun auch rund 220.000 Flüchtlinge zu den Ausgabestellen kamen. In Berlin kam es daher an jenen Tafeln zu Engpässen, die sich in der Nähe von Flüchtlingsheimen befinden. Langjährige Tafelnutzer ärgerten sich, dass sie das knappe Essen mit den Flüchtlingen teilen mussten.
Zudem gab es wegen kultureller Unterschiede und Sprachproblemen Schwierigkeiten. So wollten syrische Männer keine Hilfe von Frauen annehmen. Manche nahmen bestimmte Lebensmittel aus religiösen oder kulturellen Gründen nicht an.
Viele Tafeln mussten den Flüchtlingen auch erklären, dass die Tafeln keine staatlichen Einrichtungen sind und niemand einen Anspruch auf die Lebensmittel hat. Eigentlich sollte das Essen in den Unterkünften ausreichen.
Dass die Asylbewerber aus Syrien und Afghanistan dennoch die Tafeln nutzen, erklärt Jochen Brühl mit einer „mangelhaften Versorgung“ in den Unterkünften und damit, dass die Migranten auch mal rauskommen und mit anderen sprechen wollen. Zudem reiche bei Asylbewerbern, die in Wohnungen untergebracht sind, die staatliche Unterstützung oft nicht aus.
Spender wollen wegen Migranten nicht mehr helfen
Mittlerweile habe sich die Situation mit den Migranten entspannt. Es gebe jetzt Dolmetscher und mehrsprachiges Informationsmaterial. Die Vorurteile langjähriger Kunden seien einem größeren Verständnis gewichen. Allerdings hätten Spender in E-Mails angekündigt, wegen der Flüchtlinge nicht mehr helfen zu wollen.
Die Idee mit den Tafeln stammt aus den USA. In Deutschland wurde die erste Tafel im Jahr 1993 von der Initiativgruppe Berliner Frauen gegründet. Heute gibt es bundesweit circa 900 Tafeln mit rund 2.100 Läden und Ausgabestellen. Die Nachfrage steigt.
„Bereits vor der sogenannten Flüchtlingskrise sind immer mehr Menschen zu den Tafeln gekommen“, sagt Jochen Brühl. Allein der Anteil der Rentner ist von 2007 bis 2014 von zwölf auf 24 Prozent gestiegen.
Neben Rentnern und Geringverdienern kommen vor allem Langzeitarbeitslose, wobei es sich sehr oft um alleinerziehende Frauen oder Migranten handelt. Knapp ein Viertel der Tafelnutzer sind Kinder und Jugendliche. In Deutschland lebt heute jedes siebte Kind von Hartz IV.


