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Reportage

Potsdamer Moschee mit Ferkelkopf geschändet

Von Thomas Breithaupt · · 6 Min. Lesezeit

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Am Samstag kurz nach 21 Uhr legten Unbekannte einen Ferkelkopf vor die Potsdamer Moschee, weil die Freitagsgebete auf der Straße für Unmut und Demos sorgten (Screenshot: rbb aktuell/Potsdamer Neueste Nachrichten)
Am Samstag kurz nach 21 Uhr legten Unbekannte einen Ferkelkopf vor die Potsdamer Moschee, weil die Freitagsgebete auf der Straße für Unmut und Demos sorgten (Screenshot: rbb aktuell/Potsdamer Neueste Nachrichten)
Am Samstag kurz nach 21 Uhr legten Unbekannte einen Ferkelkopf vor die Potsdamer Moschee, weil die Freitagsgebete auf der Straße für Unmut und Demos sorgten (Screenshot: rbb aktuell/Potsdamer Neueste Nachrichten)
Am Samstag kurz nach 21 Uhr legten Unbekannte einen Ferkelkopf vor die Potsdamer Moschee, weil die Freitagsgebete auf der Straße für Unmut und Demos sorgten (Screenshot: rbb aktuell/Quelle Potsdamer Neueste Nachrichten/Foto: privat)

Im Land Brandenburg gibt es nur eine einzige Moschee. Die befindet sich in Potsdams Innenstadt. Schon lange waren die öffentlichen Massengebete auf dem Gehsteig Potsdamer Anwohnern ein Dorn im Auge. Die AfD hatte zu Protesten aufgerufen. Samstagnacht (1. Oktober 2016) wurde nun die Moschee mit einem abgetrennten Kopf von einem Ferkel geschändet. Das ist eine grobe Beleidigung. Denn im Islam gilt das Schwein als unreines Tier. Moslems dürfen aus religiösen Gründen auch kein Schweinefleisch essen.

Unbekannte haben vor die Tür des Gemeindezentrums der muslimischen Al Farouk Gemeinde einen Ferkelkopf gelegt. Der Kopf sei am Samstagabend von einer Anwohnerin entdeckt worden, als diese gegen 21:40 Uhr vom Einkauf nach Hause kam, teilte die Polizeidirektion West am Sonntag mit. 20 Minuten zuvor habe der Tierkopf da noch nicht gelegen. Die Tat ereignete sich demnach zwischen 21.20 und 21.40 Uhr. Der Staatsschutz ermittelt. „Das ist nicht Potsdam, das ist die Tat einzelner verwirrter Provokateure“, verurteilte gestern der Potsdamer Oberbürgermeiste Jann Jakobs (SPD) den Anschlag gegenüber den Potsdamer Neuesten Nachrichten.

Wegen Überfüllung aufgrund des Zustroms von Gläubigen mussten viele Muslime in den vergangenen Wochen ihr Freitagsgebet im Freien halten. Bis zu 500 Gläubige kommen zu den Gebeten. Weil der Gebetsraum im Innern nur 120 Quadratmeter klein ist, beten regelmäßig rund 200 Gläubige dabei auf dem Bürgersteig Am Kanal 61.

Jeden Freitag um 13 Uhr beten bis zu 200 Muslime draußen auf dem Bürgersteig vor Brandenburgs einziger Moschee, der Al Farouk Moschee in Potsdams Innenstadt Am Kanal 61 (Screenshot: rbb aktuell)
Jeden Freitag um 13 Uhr beten bis zu 200 Muslime draußen auf dem Bürgersteig vor Brandenburgs einziger Moschee, der Al Farouk Moschee in Potsdams Innenstadt Am Kanal 61 (Screenshot: rbb aktuell)

Zusätzlich befeuert worden war die Situation in Potsdam durch das zögerliche Agieren der Stadt. Oberbürgermeister Jakobs hatte vor einem Jahr versprochen, dem Moschee-Verein wegen der wachsenden Zahl von muslimischen Flüchtlingen bei der Suche nach größeren Räumen zu helfen. Geschehen war allerdings lange nichts, auch das Land hatte sich für nicht zuständig erklärt. In der vergangenen Woche ging es dann im Rathaus doch ganz schnell: Künftig können die Muslime in der Orangerie der Biosphäre ihr Freitagsgebet abhalten. Am morgigen Dienstag will der Verein der Muslime Potsdam e.V. darüber entscheiden, ob er das Angebot der Stadt annimmt.

Zur Finanzierung der Raummiete für die Orangerie würden noch Gespräche geführt, sagt Sozialdezernent Mike Schubert (SPD). Der Moschee-Trägerverein, der sich vornehmlich aus Spenden finanziert, kann für Räumlichkeiten insgesamt bis zu 2.000 Euro pro Monat zahlen, will aber seine eigentliche Moschee Am Kanal nicht aufgeben. So hofft Schubert auch auf Hilfe vom Land – speziell für die vom Verein erhoffte langfristige Schaffung eines Gemeindezentrums für soziale Arbeit. Unterstützung für diese Bemühungen sichert das parteiübergreifende Anti-rechts-Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“ zu: Potsdam als wachsende Stadt sei in der Lage, mit „besonderen Herausforderungen“ umzugehen, die Vielfalt mit sich bringe, heißt es in einer Mitteilung vom Freitag.

AfD-Landtagsfraktionsvize Thomas Jung ergänzt, die Hilfe der Stadt dürfe mit „keinem Cent Steuergeld“ subventioniert werden.

Sollten die Täter der Ferkel-Moschee-Schändung erwischt werden, drohen ihnen laut „Potsdamer Neueste Nachrichten“ bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe. Die Polizei sucht derzeit nach Zeugen, die am späten Sonnabend Verdächtiges in der Nähe der Moschee gesehen haben. Zusätzlich befeuert worden sei die Situation in Potsdam durch das zögerliche Agieren der Stadt, berichten die Potsdamer Neuesten Nachrichten weiter.

Aufgeheizte Stimmung um Freitagsgebet auf Gehweg

Die Tat steht offenbar im Zusammenhang mit der aufgeheizten Stimmung rund um die Freitagsgebete der Moschee. Anwohner hatten ihren Unmut über die Situation geäußert. Vor eineinhalb Wochen und nun am vergangenen Freitag machte die AfD gegen das öffentliche Freitagsgebet mobil. Die Partei unterhielt am Freitag zum zweiten Mal parallel zum Gebet einen Info-Stand. Steffen Kotré aus dem AfD-Landesvorstand und einige Mitstreiter verteilten Handzettel unter dem Motto „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Ihnen stellten sich mehr als 20 Mitglieder der linken Szene und der Fraktion Die Andere entgegen. „Ihr dummen Rassisten“, rief einer. Nach einigen Minuten holten die AfD-Vertreter die Polizei, diese trennte beide Seiten. Ein Linker wollte auf einen Platzverweis nicht reagieren und wurde weggetragen.

Für Imam Kamal Abdallah besteht zwischen der „Hetze der AfD“ und dem Schweinekopf ein Zusammenhang. Abadallah stammt aus dem Libanon, lebt seit 16 Jahren in Potsdam, hat inzwischen einen deutschen Pass und arbeite als Gebäudereiniger bei der Schlösserstiftung. Bereits am Freitag hatte er an der Moschee Hass-Aufkleber an den Fenstern der Moschee entdeckt, darauf die Sprüche: „Wir sind das deutsche Volk und heißen den Islam nicht willkommen“, „Schließung aller Moscheen in Deutschland“, für ein Kopftuchverbot oder der Prophet vergehe sich an Kindern. Ähnliche Aufkleber seien auch an einer Potsdamer Schule, wo Integrationskurse für Flüchtlinge angeboten werden, gefunden worden, sagte Abdallah den PNN.

Imam: Schweinekopf schwerer zu ertragen als Sprengstoffanschlag in Dresden

Abdallah sagte sogar mit Blick auf den jüngsten Sprengstoffanschlag in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden: „Der Schweinekopf ist schwerer für uns zu ertragen.“ Der Iman warnte zugleich vor einer weiteren Eskalation der Stimmung in Potsdam. „Solche Taten fangen immer mit den Worten an. Wenn man jetzt nichts tut, gerät das außer Kontrolle“, sagte Abdallah am Sonntag.

SPD-Generalsekretärin fühlt sich an Nazi-Hetze gegen Juden erinnert

Klara Geywitz, Potsdamerin und Generalsekretärin der Brandenburger SPD, nannte die Schweinekopf-Attacke widerlich. Auch sie sieht einen Zusammenhang mit den Aktionen der AfD gegen die Freitagsgebete vor der Moschee. Zugleich verglich sie die Tat mit der Hetze und den Attacken der Nazis im Dritten Reich gegen die Juden.

„Die AfD hetzt gegen Gläubige und vergiftet das gesellschaftliche Klima“, sagte Geywitz den PNN. „Menschen wegen ihres Glaubens zu diffamieren und Schweineköpfe vor den Gebetsraum zu legen, erinnert an Deutschlands dunkelste Zeiten.“ Geywitz griff AfD-Landeschef Alexander Gauland zugleich direkt scharf an. Er trage „die Verantwortung dafür, durch seine Hetze das gesellschaftliche Klima für Anschläge und Brandstiftungen bereitet zu haben“. Damit bezog sie sich auch auf den Anschlag auf eine Asylunterkunft in Jüterbog in der Nacht zu Samstag.

Am heutigen Montag, dem Tag der Deutschen Einheit, will sich der Verein auch am bundesweiten Tag der offenen Moschee beteiligen und am Nachmittag seine Türen für Besucher öffnen. Auch Potsdams Sozialdezernent Mike Schubert hat sein Kommen zugesagt. Gerade nach der Schweinekopf-Attacke soll Schubert dort für die Stadt Flagge zeigen, wie es aus dem Rathaus hieß.

Auch in Berlin war aus Protest vor öffentlichen Massengebeten der Mevlana Moschee in der Skalitzer Straße in Kreuzberg am 23. Dezember 2015 während eines Gebets von einem Paketboten eine Schweinkopfhälfte mit Koran geliefert worden, wie Berlin Journal berichtete.  Einen abgeschlagenen Schweinskopf mit beleidigender Aufschrift legten dann Unbekannte zu Pfingsten 2016 vor das Wahlbüro von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU) in Stralsund, wie Berlin Journal ebenfalls berichtete.

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