Reportage
NRW fürchtet Gewaltausbrüche der Erdogan-Anhänger
Seit dem Putschversuch in der Türkei sind in NRW tausende Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan auf die Straße gegangen. Gewalttaten verbreiten die Sorge, dass Erdogan-Anhänger jetzt auch in Deutschland „alles angreifen, was unliebsam ist“.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat großen Einfluss auf die türkischstämmige Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen. Dies zeigt erneut der Putschversuch in der Türkei. Nur wenige Stunden nach den ersten Nachrichten über die Unruhen in Istanbul gingen tausende Türken in NRW für ihren Präsidenten auf die Straße.
Sie mobilisierten sich über die sozialen Medien. Die größten Demonstrationen fanden mit etwa 5.000 Teilnehmern in Essen und mit knapp 3.000 Menschen in Duisburg statt. In zahlreichen weiteren nordrhein-westfälischen Städten gab es spontane Kundgebungen als Zeichen der Unterstützung für Erdogan.
Erdogan-Anhänger randalierten in Gelsenkirchen
„Erdogans Arm reicht sehr stark nach NRW herein“, sagte die Köln-Mülheimer CDU-Landtagsabgeordnete Serap Güler gegenüber der WAZ. Sie ist selbst die Tochter türkischer Einwanderer. Erst seit dem Jahr 2010 ist sie im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft.
Ihrer Ansicht nach ist die Anteilnahme der in Deutschland lebenden türkischstämmigen Menschen verständlich. Doch „wenn Anteilnahme in Gewalt umschlägt wie zuletzt in Gelsenkirchen, dürfen wir das nicht akzeptieren“.
Serap Güler meint damit die Angriffe von Erdogan-Anhängern am Samstag auf einen türkischen Jugendtreff, der von der Gülen-Bewegung betrieben wird. Deren Begründer Fethullah Gülen gilt als Erdogans Erzfeind. Die Erdogan-Anhänger warfen die Fensterscheiben des Jungendtreffs ein.
1 Million türkischstämmige Menschen in NRW
In NRW leben nach Angaben des Statistischen Landesamtes fast 1 Million Menschen mit türkischen Wurzeln. Über die „Union Europäisch-Türkischer Demokraten“ (UETD) und den religiösen Dachverband Ditib mobilisiert Erdogans Regierungspartei AKP ihre Anhänger in Deutschland. „Dies ist Erdogans verlängerter Arm“, sagt Serap Güler.
Bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2014 stimmten drei Viertel der in NRW lebenden Wahlberechtigten für Erdogan. Deutschlandweit waren es 68,6 Prozent. Insgesamt erhielt Erdogan 51,8 Prozent. Somit hat Erdogan unter den Türken in Deutschland einen höheren Anteil an Unterstützern als in der Türkei.
Auch Ahmet Toprak, Professor für angewandte Sozialwissenschaften und Integrationsexperte an der Fachhochschule Dortmund befürchtet Erdogans „sehr großen Einfluss“ in Deutschland. Die „enthemmte Stimmung“ in der Türkei könnte auch auf Deutschland überschwappen. „Jetzt wird alles angegriffen, was unliebsam ist.“


