Reportage
Imam zeigt Lehrerin an, weil sie seine Hand schütteln will

Wegen Beleidigung und Verletzung der Religionswürde hat der türkische Imam Kerim Ucar die deutsche Lehrerin seines Sohnes angezeigt und auch gleich den Schulvertrag für alle beide Söhne gekündigt – weil sie auf einen deutschen Handschlag zur Begrüßung bestanden habe, was er verweigerte, und sie daraufhin das Gespräch beendete.
Kerim stammt aus der Osttürkei, wurde im iranischen Ghom und im irakischen Nadschaf theologisch ausgebildet und hat in Berlin 2014 im schiitischen Verlag Ahlulbayt Kulturverein sein 290seitiges Taschenbuch „65 Lektionen aus islamischen Lehre“ (5 Euro) veröffentlicht. Ein Buch mit 65 Fragen und Antworten rund um den Islam, von der allgemeinen Betrachtung der Rolle der Religion für den Menschen, über die Rechtswissenschaft und die Glaubensgrundsätze, detaillierte Erörterungen der Stufen im Jenseits, Riten, das Paradies und die Hölle, die Geschichte der Gefährten, bis hin zu Hadithen und Islamwissenschaft.
Die deutsche Lehrerin habe den muslimischen Gelehrten zum deutschen Händeschütteln drängen wollen
Die Lehrerin eines seiner Söhne habe ihn und seine Frau Dilek Ucar sowie den betreffenden Sohn zur Aussprache in die Privatschule Platanus in Pankow bestellt und habe ihm zur Begrüßung die Hand hingehalten, was der gelehrte Muslime nach dem Willen Allahs ablehnte, da er als Muslime keine Frau, mit der nicht verheiratet ist oder mit der er nicht blutsverwandt ist, berühren dürfe. Auch die ihn begleitende Ehefrau Dilek durfte dem anwesenden Lehrer nicht die Hand geben.
Anlass für das Einbestellen des türkischen Ehepaares war, dass sich der betreffende Sohn auf dem Schulhof geprügelt und dafür eine Verwarnung kassiert hat.
Zur eigentlich geplanten Aussprache ist es aber nicht gekommen.
Nach Darstellung des muslimischen Ehepaars gegenüber rbb eskalierte die Situation, ohne dass es zum eigentlichen Thema – das Verhalten des Schülers – kam. Vier Mal soll die Pädagogin der Platanus-Schule den Geistlichen unter Berufung auf eine notwendige Respektbezeugung und deutsche Gebräuche nachdrücklich aufgefordert haben, ihr die Hand zu reichen. Der Imam sagte später dem rbb, er habe die Aufforderung freundlich aber bestimmt zurückgewiesen, stattdessen zum Gruß seine Hand aufs Herz gelegt. Der Lehrerin habe er erklärt, diese Geste sei die höchste in seiner Religion mögliche Respektbezeugung bei der Begrüßung einer Frau. Die Frau habe das jedoch nicht akzeptieren wollen, sei laut geworden und habe schließlich das Gespräch für beendet erklärt.
Dilek Ucar sagte später, sie und ihr Mann seien von der Pädagogin der Platanus-Schule angeschrien worden, immer wieder mit den Worten: „Sie müssen sich der Kultur anpassen in Deutschland.“
Imam Kerim Ucar: „Sie hat mir vier Mal die Hand regelrecht aufgezwungen. Das zeigt uns, dass der Trend zu Fremdenfeindlichkeit in Deutschland immer größer wird.“
Der Geistliche weiter: „Die Aktion der Lehrerin war beabsichtigt, sie beruht auf Vorurteilen. Das ist eine Respektlosigkeit gegenüber dem Glauben der anderen und Fremdenfeindlichkeit.“
Dilek Ucar: „Sie denkt bestimmt, dass wir sie diskriminiert haben oder so, aber wir wurden diskriminiert und beleidigt wegen unserer Religion. Und wir sind auch zutiefst in unserer Persönlichkeit verletzt worden. Und das alles vor unserem Sohn.“
Kerim Ucar: „Integration heißt für uns, dass wir die Gesetze des Gastlandes befolgen. Die Kultur allerdings müssen wir nicht bedingungslos übernehmen.“ So lautet die generelle Auffassung des schiitischen Imams. Seit 15 Jahren lebt er in Deutschland. Er spricht mehrere Sprachen, hat aber, wie er selbst sagt, wegen der Gemeindearbeit bisher noch keine Zeit gefunden, um ausreichend Deutsch zu lernen. Seine Frau dagegen, die in Süddeutschland aufgewachsen ist, kommuniziert fließend auf Deutsch.
Eine Woche will die Familie Ucar dann auf eine Entschuldigung seitens der Schule gewartet haben. Schließlich wurde eine Anwaltskanzlei konsultiert und Anzeige bei der Polizei wegen Beleidigung und Verletzung der Religionswürde erstattet.
Heute gab die Platanus-Schule ein knappes Statement ab.
Die zweisprachig auf Deutsch und Englisch unterrichtende Privatschule habe „eine Schulgemeinschaft, die von großer Vielfalt und einem positiven respektvollen Miteinander geprägt ist. Diesen Weg wollen wir an der Schule konsequent weiter gehen“, heißt es in der heutigen Erklärung. „Deshalb werden wir uns aus Rücksicht auf das Wohl der Familie und deren Kinder zu einer innerschulischen Angelegenheit nicht öffentlich äußern.“ Außerdem müssten die anderen Kinder und das Lehrerkollegium geschützt werden.
In einem anderen an die Eltern gerichteten Schreiben, das dem rbb vorliegt, lädt die Leiterin zu einem klärenden Gespräch ein. Sie schlägt vor, „dass sich keine/r der weiblichen und männlichen Teilnehmer_innen des Gesprächs zur Begrüßung oder zum Abschied die Hand gibt“.
Für das betroffene Ehepaar ist das jedoch keine Lösung. Sie fühlen sich durch eine weitere Formulierung in dem Schreiben herabgesetzt, in der die Schule einen Austausch darüber anregt, „wie Sie und Ihre Kinder in Zukunft mit den Mitarbeiter_innen und Eltern der Schule respektvoll und positiv kommunizieren können, ohne dass Mitarbeiter_innen oder Eltern der Schule diskriminiert oder die Religions-, Werte- und Gewissensfreiheit einzelner Mitglieder in der Schulgemeinschaft beeinträchtigt werden“.
Die CDU-Vizevorsitzende Julia Köckner sagte gegenüber der BILD: „Nicht Deutschland muss sich ändern, sondern manche Zuwanderer.“
Der SPIEGEL verweist auf die Schweiz und Schweden, wo auf den Handschlag bestanden wurde.
Ein ähnlicher Fall hatte vor kurzem in der Schweiz für Aufsehen gesorgt: Dort hatten sich zwei muslimische Schüler geweigert, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Die Schulbehörde entschied daraufhin, dass die Schüler unter Androhung von Geldstrafen zum Handschlag verpflichtet seien.
In Schweden hatte der muslimische Grünen-Politiker Yasri Khan (30) einer Journalistin den Handschlag verweigert – und musste kurz danach zurücktreten.


