Reportage
Fast alle deutschen Moscheen werden von der Türkei gesteuert

Deutschland hat keinen Einfluss darauf, was in deutschen Moscheen gepredigt wird. Denn fast alle Imame werden von der Türkei entsandt und bezahlt. Das liegt daran, dass Deutschland für die Besetzung der religiösen Oberhäupter kaum alternative Ansprechpartner hat, da die Moscheen von türkischen Vereinen gegründet werden.
Die türkisch-kurdisch-stämmige Weddinger Rechtsanwältin und gläubige Muslimin Seyran Ates (53) fordert dringende Änderungern in deutschen Moscheen. Hassprediger, die zu Gewalt aufrufen, dürfen keine Imame sein. Und Frauen sollten gleichermaßen Zugang zu den Gebeten haben wie Männer.
„Gründet mit mir eine liberale Moschee“, fordert sie in der Wochenzeitung DIE ZEIT.
Denn bis heute seien die meisten Moscheen weltweit konservativ bis fundamentalistisch. Zu viele predigten einen Islam von vorgestern, auch hier in Deutschland, sagte Ates. Und nur manchmal kommen die Predigten an die Öffentlichkeit, wie im Februar 2015, als in der Neuköllner Al Nur Moschee der Islamischen Gemeinschaft e.V. Berlin in der Haberstraße 3 ein ägyptischer Imam eine sexistische Predigt hielt.

Der Prediger über Frauen: „Sie sollen kochen. Saubermachen. Ihr Heim herrichten. Und sich um ihren Mann, ihre Söhne und ihre Töchter kümmern. Und außerdem ist es einer Frau nicht erlaubt, sich ihrem Mann im Bett zu verweigern.“
Die Mehrzahl der über 2.000 Moscheen in Deutschland wird von türkischen Moschee-Vereinen geführt.
Die meisten Imame stammen daher aus der Türkei. Doch auch von ihnen können viele kein Deutsch, kennen Land und Leute schlecht, sagte Seyran Ates. Und stets sei der türkische Staat der Arbeitgeber.
Bedenklich. Denn Tatsache ist, dass in der Türkei zur Zeit ein rückwärtsgerichteter Islam auf dem Vormarsch ist und Präsident Erdogan immer autokratischer herrscht.
Am 20. Mai 2016 hat das türkische Parlament die Immunität von einem Viertel der Abgeordneten aufgehoben und sich dadurch quasi selbst entmachtet. „Mit einem europäischen Demokratieverständnis ist das kaum vereinbar“, kommentiert Christine Romann vom Magazin Kulturzeit des Fernsehsenders 3sat. „Moderne und freiheitsliebende Muslime sind in Europa heimatlos“, sagte Seyran Ates. Ihr Traum: Eine demokratietreue Moschee in Berlin zu schaffen.


